Heiner Schuchard

 

Die fast unendliche Geschichte des Erwerbs eines Reise-Tandems

 

«Du bist einfach zu anspruchsvoll» (Zitat meiner Frau und Tandem-Triebkraft Swantje)

 

Manche werden sich vielleicht an Mitteilungen auf der «Tandem-Liste» erinnern, für die anderen einen kurzen Rückblick:

Es begann im Januar 2007 im Fichtelgebirge. Geplant war ein Langlauf-Kurzurlaub. Wegen Schneemangel kamen die Räder aufs Autodach und er wurde kurzerhand zum Rad-Urlaub erklärt. Und da ging es ganz schön rauf und runter, und an den Steigungen zog sich unsere Zweier-Gruppe doch ganz schön auseinander. So kam es zur Idee, es doch mal mit einem Tandem zu versuchen.

Der erste Anlaufpunkt war ein Hamburger Tandem-Laden. Dort fuhren wir eines für knapp zwei Stunden Probe. Das funktionierte und machte Spaß! Die dort angebotenen Räder und die Beratung aber («bei Tandems ist die Konifizierung der Rahmenrohre nicht zweckmäßig») mochten nicht voll zu überzeugen.

Der nächste Schritt war, ein «Zwei-Plus-Zwei»-Rad in Köln für eine Woche auszuleihen und damit in den Osterferien durch die Eifel zu reisen. Es ging hierbei vor allem darum, herauszufinden, ob wir das Tandem-Fahren auch über einen längeren Zeitraum hinweg würden leiden mögen. Wir mochten es sehr, nur am Rad gab es diesen und jenen Mangel, so dass auch dieses nicht in Frage kam.

Der nächste Schritt führte dann nach Fulda, wo uns Herr Nöll für die Probefahrt mit dem Rohloff-Tandem 20,- € abknöpfte, wir aber nicht ihm sein Tandem für ca. 5000,-. Dabei lag es nicht so sehr am Preis, auch nicht an den Eigenschaften des Rades, sondern eher an der Schwierigkeit, sich gegenseitig über Eigenschaften und Anforderung an das Tandem verständigen zu können. Von den Fahreigenschaften her fanden wir, dass es das Beste der bisher gefahrenen Räder war.

Irgendwann in diesen Tagen besuchte ich auch den «Pedalwirbel» von Horst Haeske in Bochum und hatte dort ein längeres Gespräch mit dem Betreiber des Ladens. Alles, was ich dort erfuhr, hatte Hand und Fuß und zeugte von Erfahrung und Kompetenz in allen tandemspezifischen Angelegenheiten. Dazu kam eine sehr angenehme Gesprächsatmosphäre. Eine ausgezeichnete und vertrauenswürdige Beratung. Leider ist Bochum kein Nachbarort von Lübeck, aber entscheidender: Horst Haeske ließ keinen Zweifel daran, dass eine Marathon XR-Bereifung nicht in den Santana Cilantro Rahmen passen würde. Andernfalls wäre er – auch mit Sitz in Bochum - mein Tandem-Lieferant geworden.   

 

Dazu muss hier nun doch erläutert werden, welche Art Rad wir für welche Zwecke suchten:

 

Wir sind beide nicht mehr so ganz jung (Jahrgang 44 und 42), die Kinder sind aus dem Haus, und die zeitlichen Anforderungen des weiter betriebenen Berufs können weitgehend nach Ermessen reguliert werden. Mein gern gefahrenes Solo-Rad ist ein als Reiserad ausgerüstetes MTB mit 60 mm Big Apple-Bereifung, gefederter Gabel und Kettenschaltung. Im Urlaub im Sommer 2008 entlang der polnischen Ostsee-Küste benutzte ich ein anderes Solo-Rad mit ungefedertem Stahlrahmen und 37x622 – Bereifung. Das fand ich vergleichsweise knochenhart und habe es deshalb nun auf 50 mm Big Apple umgerüstet (mit einiger Bastelei war das so gerade möglich).  

Es soll also ein Tandem sein, dass für mehrwöchige Reisen mit Gepäck geeignet ist, aus Stahl, dazu für Komfort und schlechte Wege mit möglichst voluminöser Bereifung ausgestattet, aber wegen Gewicht und Wartungserfordernissen ohne Feder-Gabel, mit Kettenschaltung und mit langem Stoker-Abteil. Des weiteren sind zusätzliche Anlötteile für die Ausrüstung mit 203 mm Scheibenbremsen und damit auch der Bau einer asymmetrischen Gabel gewünscht. Die asymmetrische Gabel soll ermöglichen, die Vorderrad-Speichen trotz Scheibenbremse symmetrisch zur Felge einzuspeichen. Bei einem unsymmetrisch eingespeichten Vorderrad (Beispiel: 26-Zoll-Felge, SON-Nabe mit Scheibenbremse) liegt die Speichenbelastung auf der Bremsscheibenseite, auf der die Speichen steiler stehen, um 15 % höher im Vergleich zum speichensymmetrisch eingespeichten Rad. Oder anders herum: Ein unsymmetrisch eingespeichtes Standard-Scheibenbremsen-Vorderrad, das im Vergleich zum felgengebremsten Vorderrad höher belastet ist, hat eine um 15 % reduzierte Festigkeit.     

 

Nun ging es darum, einen Rahmenbauer zu finden, der uns unseren Tandem-Rahmen bauen sollte. Das Rad wollte ich dann gerne selbst zusammen bauen. Wir nahmen Kontakt zu Karsten Gleiss auf und das schien etwas zu werden. Dabei bin ich davon ausgegangen, dass man bei einem custom-made Rahmen als Auftraggeber in vernünftigen Grenzen frei festlegen kann, wie der Rahmen aussehen soll, bei einem Preis von ca. 2.500,- € eine vielleicht nicht unbillige Erwartung? Also gab ich an, was ich mir vorstellte, und das ging zunächst auch gut. Als ich aber eine weitere Änderung nachschob, nämlich, dass ich eine für Scheibenbremsen geeignete, unsymmetrisch gebaute Gabel haben wolle, antwortete Gleiss ohne weitere Erklärung, dass er sich entschieden habe, den Bau eines Rahmens für mich abzulehnen. Das fand ich dann doch schon recht befremdlich, habe aber später die erklärenden Hintergrund-Informationen bekommen: Ein anderer Gleiss-Kunde hatte vor mir die selbe Idee von der asymmetrischen Gabel und Gleiss hatte diese Gabel auch gebaut, nur die Scheibenbremse passte dann nicht!

Wenn einer seine handwerkliche Unzulänglichkeit solcherart in persönliche Ablehnung wandelt, dann ist es wohl besser, sich aus dem Wege zu gehen. Recht hat er natürlich – aus seiner Sicht: Kunden, die sich Gedanken machen, sind unbequem.

Bei der Frage nach einer vorderen Scheibenbremse am Tandem hat sich der Santana-Händler Wolfgang Haas völlig anders verhalten. Er hat mir gegenüber mit guten, nachvollziehbaren Gründen erläutert, warum er es nicht verantwortet, Tandems in solcher Konzeption zu verkaufen.

 

Also weiter suchen: Da gab es zwei Anbieter, die sich auf Grund unserer Mitteilungen auf der «Tandem-Liste» gemeldet hatten:

Rudi Henning bot mir einen recht preisgünstigen, custom-made Alu-Rahmen aus der Tschechei an. Der Preis lockte. Wenn sonst alles nach unseren Wünschen liefe, könnte man ja vielleicht doch die Materialart Alu in Kauf nehmen, zumal der Rahmen gut dimensioniert und stabil konstruiert zu sein schien. Auf unsere Wünsche wurde eingegangen, einschließlich der breiten Hinterachsklemmung von 160 mm. Auf die asymmetrische Gabel und die Scheibenbremse vorne hätte ich beim Alu-Rahmen allerdings dann doch verzichtet. Der Punkt, an dem es dann scheiterte, war die Lackierung. Ich hätte den Rahmen nur in einer der nach meinem Empfinden eher hässlichen «Kriegsbemalungen» der Firma Duratec bekommen können. Und ohne Oberflächenbehandlung hätte allenfalls bei entfallender Gewährleistung geliefert werden können. Zu einem unfreundlichen Ende kam es bei diesen Besprechungen dann schließlich, als ich ein Antwortschreiben von Rudis Mitarbeiterin(?) mit der Aufforderung, doch spezielle Wünsche zu äußern, wörtlich nahm und einen weiteren Änderungswunsch bezüglich der Ständerhalterung anmeldete. Die Antwort war, dass ich doch nun erst mal verbindlich bestellen solle, ehe man sich die Arbeit machen wolle, erneut Sonderwünsche mit dem Produzenten abzuklären. Damit hatte sich die Bestellung bei diesem Lieferanten dann auch erledigt.

 

Natürlich haben wir auch immer wieder mit einem Santana geliebäugelt, und der schon oben erwähnte Wolfgang Haas sicherte uns zu, dass in den «neuen» Cilantro-Rahmen mit einer Triplet-Gabel Marathon-Reifen der Größe 2,25 x 559 passen würden, einschließlich Schutzblechen. Als Europas «Santana-Boss» sollte er es doch besser wissen als jeder andere (wie z.B. Horst Haeske). Also bestellten wir einen solchen Rahmen bei ihm. Er kam dann auch nahezu pünktlich  innerhalb der versprochenen Frist, nur für die Schutzbleche war absolut kein Platz mehr bei 3 mm Luft zwischen Reifen und Rahmen. Und da die dicken Reifen uns ein wesentliches Kriterium sind, musste der Rahmen zurückgehen, und Wolfgang Haas akzeptiert schließlich auch, die Kosten für Sonderlackierung und Transport  zu tragen. Die Polen-Sommer-Reise aber hatte mit unseren Solos stattzufinden (kein Leih-Tandem aus Rosenheim). 

 

Des weiteren war dann noch auf Empfehlung von Ulli Horlacher ein über den Heidelberger Germans-Cycles Laden zu beziehender Rahmen im Gespräch. Das scheiterte daran, dass es dort zwar drei Größen, aber keine Berücksichtigung weitergehender Änderungswünsche gibt. Die 160 mm Hinterradnabe wäre nicht verwendbar gewesen.

 

Der andere, der sich selbst ins Gespräch gebracht hatte, war Peter Esselborn vom Luftpumpe-Laden in Darmstadt. Er hat das Plus, dass er mir einen sehr zufriedenen Kunden nachweisen konnte: Andreas Macrander aus Wilhelmshaven hat sich, organisiert über Peter Esselborn, einen Gleiss-Rahmen bauen lassen, von dem er (bis auf die Pulverung) nur Gutes zu berichten weiß. Ich besuchte Andreas, fuhr auch mal kurz mit ihm um die Ecke; eine überzeugende Vorstellung! Inzwischen aber hatte Gleiss entschieden, Aufträge nicht mehr über Händler abzuwickeln, doch was bei der direkten Aufragserteilung herauskam, steht ja schon oben. Peter nun hat einen anderen Rahmenbauer aufgetan, der aus Gleiss Rohrsätzen custom-made Rahmen baut. Den Namen des Mannes aber verrät er nicht.

Kein Name, keine Referenz des Rahmenbauers? Kann das gut gehen? Oder sollte es dann doch besser ein Tandem «von der Stange» sein? Ich hätte nie geglaubt, dass die Sache so kompliziert werden könnte.

Nun, mehr als schief gehen kann es nicht. Also wird nun bei Peter bestellt: Ein Stahlrahmen, kräftig dimensioniert, mit asymmetrischer Gabel und Anlötteilen für Cantilever- und  Scheibenbremshalerungen vorn und hinten, für 203 mm Bremsscheiben. Alles wird akzeptiert, nur das Stokermaß von 760 mm lässt die Rahmenlehre des Rahmenbauers nicht zu. 740 mm sei das Maximum. Nun gut, wenn das die einzige Einschränkung ist! Bei der Befestigung des Tretlager-Exzenters einigen wir uns auf vier Klemmschrauben, die paarweise angeordnet werden. Mit nur zwei Schrauben am Zwei-Plus-Zwei-Tandem, allerdings am Alu-Rahmen, hatten wir schlechte Erfahrungen gemacht. Am liebsten wäre mir eine Schellen-Klemmung, aber Peter rät davon ab und der Rahmenbauer macht das wohl nicht. So wird der Auftrag Mitte August 2007 erteilt. Die Lieferzeit soll drei Monate betragen. Also sollte der Rahmen Mitte November eintreffen.    

 

Es wird dann fast Weihnachten. Kurz vorm Fest liefert DHL das Riesenpaket ab.

 

Toll:

Kein Problem mehr mit dicken Reifen. Da passt alles, was man auf ein Reiserad montieren würde, rein – incl. Schutzblechen! Und Anlötteile sind auch wie gewünscht vorhanden. Sieben Trinkflaschenhalter sind möglich, da kann es ja gerne heiß werden!

Die Schweißnähte: Sauber verschliffen, die Lackierung: Ohne erkennbare Mängel. Die Schweißungen sind, soweit das an den Innenflächen der Rohre fühl- oder sichtbar ist, professionell gemacht.

Das Gewicht von Rahmen, Gabel, Exzenter und Steuerlager liegt bei etwa 6,5 kg (mit einfacher Federwaage gemessen). Dafür ist es aber auch ein sehr stabil gebauter Stahl-Rahmen mit 40 mm Hauptrohren und 1 ½ Zoll Gabelschaft. Der Gleiss-Rohrsatz besteht aus nicht konifizierten Crom-Molybdän-Rohren von meist 0,7 mm Wandstärke. Das und die großen Rohrdurchmesser erklären das zu Santana-Rahmen vergleichsweise hohe Gewicht. Darum klingt es dann bei diesem Rohrsatz auch nicht so nach Cola-Dose, wenn man auf das Kielrohr klopft.

 

Aber:

Der Exzenter wird entgegen Absprache nur von zwei Schrauben geklemmt.

Peter hatte das schon berichtet und wir haben vereinbart, dass es auf seine Kosten geändert wird incl. neuer Pulverung, falls sich das mit der Zwei-Schrauben-Klemmung nicht bewährt.

 

Was ist das denn für eine Gabel?

Diese Gabel mit diesem Kopf hat mit diesen Querrohren eine Sollbruch-Stelle! Und asymmetrisch ist sie auch nicht! Andernfalls würde die Reifemitte des asymmetrischen Vorderrads wie beabsichtigt in der Ebene der Gabelschaftachse liegen.

-          Die Schlitze der Sattelrohrklemmung sind nicht entgratet und hinterlassen hässliche Riefen auf den Sattelrohren.

-          Das Schaltungsauge ist nicht austauschbar (das hatte ich allerdings auch nicht in der Bestellung stehen, war aber auch nicht nachgefragt worden) und das Gewinde ist nicht benutzbar weil voller Lack und nicht nachgeschnitten. Das muss ich hier beim lokalen Händler machen lassen,

-          auch das Stoker-Tretlager ist nicht nachgeschnitten.

-          Die Halterungen für die Bremsscheiben sind für 160 mm Scheiben positioniert, ein Adapter ist erforderlich. Der ist zwar im Handel zu bekommen, doch optimal ist das nicht.

 

auch das seitliche Abstandsmaß für die hintere Bremsscheibe passt nicht. Es muss ein neuer, breiterer Bremsscheibenadapter gedreht werden, der die Scheibe 12 mm nach außen versetzt. Nun passt bei Verwendung von Unterlegscheiben bei der Bremsenmontage die Bremszange auf die Scheibe, aber zwischen Scheibe und Hinterradstrebe ist gerade mal 1 mm Luft.  

Der Abstand der Tretlager ist falsch berechnet. Mit neuer Kette steht der Exzenter schon in der vorderen Hälfte des Verstellbereichs, über 50% sind verschenkt; besser wäre es, er stünde am Beginn, damit dann ohne Bastelei nahezu der gesamte Verstell-Bereich zum Ausgleich des Ketten-Verschleißes genutzt werden kann.

Es war vereinbart und zugesagt, eine speziell verstärkte Zweibein-Ständerhalterung anzubringen. Angeschweißt ist nur eine Standard-Pletscher-Platte.

 

Was tun? Die Reihe der Mängel könnte eine Reklamation des gesamten Rahmens durchaus rechtfertigen. Aber wir wollen doch endlich unser Tandem zusammenbauen und damit fahren! Also akzeptieren wir den Rahmen und senden nur die Gabel zwecks Neuanfertigung zurück (mit Scheibenbremse und Bremsscheibe, damit dann wenigstens vorn alles ohne Adapter passt). Nach den bisherigen Erfahrungen wage ich kaum zu hoffen, dass das wirklich so sein wird.  Und leider behalte ich recht.

 

Zur Gabel aber noch etwas mehr: Mein Sohn sitzt gerade an seiner Ingenieurs-Diplomarbeit, die sehr viel mit Statikberechnungen zu tun hat. Ich lese Korrektur und bin beim Thema Statik auch nicht ganz unvorbelastet. Also fangen wir doch mal an zu rechnen, wie sich die Belastungen bei einem scheibengebremsten Vorderrad auf die Gabel verteilen.

An einer Tandem-Vorderrad-Bremse können wesentlich höhere Bremskräfte aufgebaut werden als an der eines Solorads. Die zu bremsende Masse ist ca. doppelt so hoch, zusätzlich aber können die Bremskräfte weiter über den Punkt hinaus steigen, an dem beim Solo der unkontrollierte Abflug nach vorn erfolgt. Es dürfte nicht unrealistisch sein (soweit es die Bremse und die Courage des Captains erlauben), mit einer möglichen Vorderrad-Bremskraft von 80 bis 90% des Gesamtgewichts der Fuhre zu rechnen. Die Scheibenbrems-Gabel überträgt das Bremsmoment über die linke Scheide der Gabel. Das führt dazu, dass bei maximaler Bremskraft diese grob gerechnet ¾ der Belastungen (Summe aus Biege- und Drehmomenten) auszuhalten hat, die rechte Scheide das verbleibende restliche Viertel. Da treten Respekt einflößende Kräfte und Spannungen auf. Ein triftiger Grund am Tandem vorne doch lieber auf die Scheibenbremse zu verzichten oder aber sie zumindest sehr bedachtsam einzusetzen. Eine sehr stabile Gabel aber ist absolutes Muss. Auch das Vorderrad muss diesen hohen Belastungen standhalten, deshalb das Insistieren auf der symmetrischen Einspeichung.

Die gelieferte Gabel (siehe Foto des Gabel-Kopfes) weckte bei mir spontan den Eindruck, dass sie im Bereich , wo durch die kurzen, schräg stehenden Rohre die Kräfte von den Scheiden (31,8 mm Durchmesser) in den Schaft (38,1 mm Durchmesser) geleitet werden, unterdimensioniert ist. Die Rechnung ergab, dass es tatsächlich die schwächste Stelle der Konstruktion ist, obwohl das Widerstandsmoment eines Rohres gegen Torsion höher liegt als das gegen Biegung. In der Praxis bilden die Bereiche, die an die Schweißnähte angrenzen, die Zonen, an denen etwas bricht, wenn es überlastet wird. Und darum fand ich es zusätzlich unverständlich, dass der Rahmenbauer den Durchmesser der Verbindungsrohre gegenüber den Schaftrohren reduziert hat. Sie müssen umgekehrt mit möglichst großem Durchmesser ausgeführt werden, damit so die Belastungen im Bereich der Schweißnähte reduziert werden.

 

Die neue Gabel sollte dann ja ganz schnell kommen, aber dadurch, dass Gleiss mit der Beschichtung noch dazwischen geschalten war, dauerte es dann doch bis Ende Februar. Trotz Überlassung von 203 mm Bremsscheibe, Nabe und Bremse ist auch die Halterung der neuen Gabel auf eine 160-mm-Scheibe abgestimmt. Bei der Reklamation der ersten Gabel hatte ich außerdem beschrieben, dass es eine Scheibenbremsbefestigung noch der Post-Mount-Methode sein solle, allerdings ohne diesen Terminus zu benutzen, der mir damals noch nicht geläufig war. Geworden ist es wieder eine Iso 2000-Befestigung. Mein Händler vor Ort besorgte mir den passenden Adapter, und mit zwei zusätzlichen, 1,2 mm dicken Unterlegscheiben bekommen wir die Bremse in die passgerechte Position. Bezüglich der Stabilität hat der Rahmenbauer etwas nachgelegt. Die schräg stehenden, nun unterschiedlich langen Gabelkopfrohre haben zumindest die Dicke der Gabelschäfte, nicht aber die in der Reklamation geforderte Dicke von 1 1/2 Zoll. Peter Esselborn versucht sich damit herauszureden, dass Carsten Gleiss für diese Gabelkonstruktion sogar für das Triplet seine Hand ins Feuer lege. Ob uns das nützt, wenn wir bei einer Notbremsung sonst wohin geschleudert sind?

Nun ist die Gabel wenigstens asymmetrisch!

 

Mit dem Gabelkopf sitzen nun auch die V-Brake-Bolzen asymmetrisch zum Vorderrad, aber das lässt sich ausgleichen. Der Zusammenbau aber kann immer noch nicht erfolgen, dann bei der Hin- und Hersenderei ist der untere Lagerkonus des Steuerlagers vertauscht worden. Und der passende Konus, den mir Peter umgehend zusendet, geht als Briefsendung auf dem Postweg verloren. Es scheint,. als ob widrige Gegenspieler auf jede Weise verhindern wollen, dass wir endlich zum Tandemfahren kommen.

So gibt es noch ein kleines Intermezzo. Bei eBay wird ein Tandemrahmen angeboten, und weil ich so viel Ärger mit meiner Bestellung hatte, biete ich mit und erhalte für 36,03 € den Zuschlag! Innerhalb weniger Tage entsteht daraus ein Tandem, fast ausschließlich aus diesem Rahmen und noch vorhandenen Fahrrad-Teilen. Und man kann ganz passabel damit fahren. Ich nenne es das Kino-Tandem; ein Diebstahl wäre zu verschmerzen.

 

Die nicht wirkliche eBay-Alternative zum Reisetandem. 

 

Am 8. März dann aber ist alles vorhanden und zusammengebaut und die erste Probefahrt kann beginnen. Wird sich die Mühe und das Warten gelohnt haben? Wird sich die Konzeption bewähren? Immerhin ist es ja unser erstes Tandem. Da sind wir schon sehr gespannt.

Die ersten paar hundert Meter fahre ich allein, dann kommt Swantje mit für ein paar Kilometer durch die nähere Umgebung. Es geht über Straßen, auch über Schlaglöcher und Waldwege, auch sandige. Und es fühlt sich gut an! Lenker und Sattel werden noch ein wenig zurecht gerückt, dann passt die Geometrie. Swantje fühlt sich wohl in ihrem 740 mm langen Großraumabteil. Ich habe von Beginn an den Eindruck, das Tandem voll unter Kontrolle zu haben, ein sicheres Gefühl. Die Steifigkeit des Rahmens wird auch unter Gepäck über alle Zweifel erhaben sein. Das spürt man. Das große Volumen der breiten Marathon-Decken macht unsanfte und schwierigere Wege erträglich und gut befahrbar. So haben wir uns das vorgestellt.  

Zwei Eigenbau-Teile werden noch fertiggestellt:

Eine Straßenkarten-Halterung, die mit zwei Hörnchen sehr stabil am hinteren Lenker befestigt ist und ein mittlerer Gepäckträger, der sich unterhalb des hinteren Lenkers befindet und es erlaubt, ein zweites Paar kleiner Lowrider-Packtaschen mitzunehmen.

 

Dadurch, dass diese Taschen zwangsweise 25° nach vorne geneigt gehalten werden, bleibt für beide Fahrer ausreichend Platz für Füße, Knie und Fersen. Das lässt sich bei neuen Rahmen mit Hilfe von am Rahmen angelöteter Gewindebuchsen noch wesentlich eleganter gestalten, vor allem dann auch unabhängig von der Lenker-Einstellung des Stoker-Lenkers..

 

Kabelführung des Fahrradcomputers innerhalb des Gabelschaftes ohne Anbohren des Schaftes; ist doch cool – oder?

 

Was leider noch fehlt, ist ein standsicherer Zweibein-Ständer unter dem Kielrohr. Wegen der Scheibenbremse hinten ist ein Hinterbau-Ständer nicht möglich. Es wäre zu viel erwartet gewesen, dass der Rahmenbauer angefragt hätte ob er vielleicht an Stelle der verweigerten, verstärkten Zweibein-Ständerhalterung ein Anlötteil für einen Hinterbau-Ständer liefern solle. Trotzdem, die erste größere Tour darf kommen.

 

Es wird - wie im letzten Sommer - wieder durch Polen gehen, für drei Wochen gleich nach Ostern.  Aber das wird dann eine neue Geschichte.

 

Diese Polen-Reise von Stettin diagonal durch Polen bis in den Süd-Osten des Landes liegt nun hinter uns und war ein tolles Erlebnis. Das Tandem tut über 1200 km das, wozu es ersonnen ist. Darunter waren auch schlechtere Straßen und 13 km Sandwege. Mit schmaleren Reifen hätte man da wohl schieben müssen, aber wir kamen überall gut durch. Bedenken, die ich auf Grund meiner unkonventionellen Gabelschaft-Verjüngung nicht ganz bei Seite schieben konnte, erweisen sich als grundlos. Das dritte Packtaschenpaar ist sehr praktisch für die geordnete Unterbringung aller Reiseutensilien. Die Gefahr dabei: Das Gefährt wird schnell recht schwer, weil man so viel mitnehmen kann. Bei uns waren es 215 kg, natürlich mit Besatzung.  Bei einer steilen Abfahrt von gut. 500 Metern, bei der auf Grund der Straßenverhältnisse die Geschwindigkeit auf ca 30 km/h begrenzt werden musste, gab es keinerlei Probleme mit den Scheibenbremsen. Die zur Sicherheit zusätzlich montierten V-Brakes mussten nicht eingesetzt werden. Diese benutze ich aber gerne, wenn ich das Tandem abstelle und das Vorderrad blockieren möchte: Ich wickle dann ein Klettband um den angezogenen Brems- und Lenkergriff. Funktioniert zuverlässig.

Noch nicht getestet ist das Verhalten der Gabel bei extremen Notbremsungen mit der Vorderrad-Scheibenbremse. Das teste ich dann doch lieber bei Gelegenheit mit einem meiner aushäusigen Söhne und berichte dann davon.

 

Kritikpunkte:

Die Scheibenbremsen (vorn und hinten Shimano XT, 203 mm mit Belägen von Cool-Stop) quietschen gelegentlich, besonders bei Regen, sehr laut. Vermutlich hat das mit den langen Adapterarmen zu tun, die Schwingungen begünstigen dürften.

Der MC 1.0 Fahrradcomputer mit Höhenmessung und drahtgebundener Übertragung gerät häufiger ins Phantasieren bei der von Haus aus ungenauen Berechnung von Steigungen (in %, ohne Nachkomma-Stelle). Die Temperaturmessung funktioniert nur im Schatten, bei Sonnenlicht ist sie stark verfälscht.

Der fehlende Ständer hat leider schon zu einer Beule im Rahmenrohr geführt, trotz 0,7 mm Wandstärke. Ärgerlich! Wie die Beule wohl aussähe bei 0,5 mm?

 

Rückblick

 

A)                Technische Konzeption:

 

Eine technische Besonderheit an unserem Tandem mag vielleicht auch andere interessieren. Wir haben einen 1 ½  - zölligen Gabelschaft mit einem handelsüblichen, geschmiedeten 1 1/8 zölligen Alu-Lenker-Vorbau kombiniert

Das Schaftrohr wird dafür über eine Klemmung im Durchmesser  reduziert (Zeichnung unten). Die Klemmung kann durch eine Verklebung mit 2-Komponenten-Kleber ersetzt werden. Das spart Gewicht und ist vielleicht sogar stabiler gegen Verdrehen des 1 1/8 –Schafts.

 

 

Die Besonderheiten unseres Tandems sind gleichzeitig aber auch seine Archillesversen.

Die Verwendung einer vordere Scheibenbremse in Verbindung mit einer Starrgabel am Tandem ist gut abzuwägen.  Die Scheibenbremse belastet die Gabel einseitig wesentlich höher als eine V.-Brake. Auf dem jetzigen Stand der Bauweise und der Festigkeit von Tandem-Bauteilen ist die Wahl einer vorderen Scheibenbremse eine nicht unbedingt rational zu begründende. Wenn man darüber hinaus am eigenen Leibe erfährt, welche Probleme damit in der Realisierung verbunden sein können, rate ich nach meinen jüngsten Erfahrungen doch eher von dieser Konzeption ab.

Reizvoll fände ich immerhin, darüber nachzudenken, ob man nicht bei einem entsprechend hochfesten Vorderrad für das Tandem eine Doppelscheibenbremse entwickeln könnte. Man hätte dann wieder gleichmäßig belastete Gabelscheiden kombiniert mit einer für ein Tandem ausreichend hohen Standfestigkeit.

Die Gabel mit dem 1 ½-zölligen Schaftrohr impliziert die Gefahr, dass man im Falle eines technischen Defekts an der Gabel auf großer Fahrt ohne Ersatzteil-Beschaffungsmöglichkeit zum Abbruch der Reise mit diesem Rad gezwungen sein könnte. Da hätte es dann schon große Vorteile, gegebenenfalls auf serienmäßige Ersatzteile eines Tandemherstellers zurückgreifen zu können.  Mit dem 1 ½ Zoll-Schaft ist das wohl ausgeschlossen.

 

B) Custom made oder Serienrad?

 

Die Besonderheiten an unserem Tandem haben die Realisierung des Projekts wesentlich schwieriger und langwieriger werden lassen als für uns zu vermuten gewesen war. Normaler Weise scheint es doch nicht unrealistisch, davon auszugehen, dass man für gutes Geld innerhalb von 8 bis 12 Wochen ein qualitativ hochwertiges Tandem eigener Wahl bekommen können sollte. Unsere Erfahrungen belegen eher das Gegenteil. Mein Fahrradhändler hier in Lübeck, der unsere diesbezüglichen Probleme mitbekommen hat, meinte nur: «Das ist völlig normal im Fahrrad-Sonderbau. Da klappt nie etwas so, wie man es sich vorgestellt hat.» Warum? - Das könne er auch nicht sagen, aber es sei eben so.

In unserem Fall könnte mitgespielt haben, dass ich der erste Kunde war, für den Peter Esselborn bei seinem neuen Rahmenbauer bauen ließ. Und dann bin ich auch noch einer der  nicht ganz Uneigenwilligen. Das entschuldigt nicht, mag aber einige der Probleme erklären und lässt die Hoffnung, dass es beim Nächsten glatter und zügiger laufen könnte..

Ob man als Kunde die Zwischenschaltung eines Händlers akzeptiert, muss jeder für sich selbst entscheiden und ist nicht zuletzt auch eine Frage der Sachkompetenz von Händler und Kunde. In meinem Fall hätte ein direkter Draht zwischen dem Rahmenbauer und mir möglicher Weise einiges retten können.

 

Diese Erfahrungen waren schon neu und recht unerwartet für mich: Wiederholt erteile ich genau spezifizierte Aufträge und es wird etwas anderes gefertigt und geliefert und erwartet, dass ich das akzeptiere. Am Ende bleibt auch kaum etwas anderes übrig, will ich nicht endlos reklamieren und warten.

Und man mag es kaum glauben. Als es an die Abrechnung geht, war plötzlich für Peter alles bestens gelaufen und Gründe, zusätzliche Kosten für Adapter und anderes, die wegen der von der Planung abweichenden Bauart des Rahmens notwendig wurden, nicht seine Sache. Ob und wie die vorhandenen Räder, für die ich den Rahmen bestellt habe und von denen er wusste, verwendet werden können, interessiert ihn plötzlich nicht mehr. Er habe sie ja nicht geliefert, ist sein Argument  Dabei habe ich nicht einmal eine Minderung des Preises wegen der mangelhaften Scheibenbremsbefestigung gefordert.

Ich hätte erwartet, dass mir ein Radhändler oder Rahmenbauer gegebenenfalls sagt, dass mein Sonderwunsch Mehraufwand verursacht, dieser bezahlt werden muss und was das kostet. Da kann man darüber reden und entscheiden, was einem wie viel wert ist. In jedem Fall aber wären Änderungen der Ausführung gegenüber der Bestellung abzusprechen gewesen. Hier ist einfach in vielen Details ohne jegliche Information und Zustimmung etwas anderes als vereinbart gebaut worden.

Was mich dann richtig geärgert, hat, ist, dass bei meinem Verlangen der schriftlichen Fixierung die mündliche Zusage, dass die Exzenter-Klemmung bei Fehlfunktion auf Kosten des Luftpumpe-Ladens nach ursprünglicher Konzeption überarbeitet wird, nicht mehr gelten sollte. Wenn es uns nicht vorrangig um das Tandemfahren ginge, hätten wir das alles nicht in Kauf genommen. Aber in unserem Alter bleiben voraussichtlich nicht mehr so viele Jahre für diese schöne Fortbewegungsart.

Bei der eigenartigen oder auch unverschämt zu nennenden Vorgehensweise eines Herrn Gleiss wussten wir wenigstens gleich und nicht erst nach 14 Monaten, dass das mit ihm nichts wird mit dem custom-made Rahmen nach unseren Vorstellungen. Noch einmal vor die Wahl gestellt, würde ich die Finger davon lassen, auch wenn es am Ende doch noch ein brauchbares Tandem geworden ist.

 

Und wir wollen nun nicht mehr bauen und nur noch fahren, Tandem fahren!

    

 

Lübeck, im April 2008,                                                           Heiner Schuchard

 

 

P.S. Wer mag, kann mir gerne zu diesem Bericht schreiben (an heiner.schuchard@arcor.de ). Am besten aber fände ich es, wenn Fragen allgemeinen Interesses auf der « Tandem-Liste » diskutiert würden.

 

Für abgebrühte Abenteurer, die gerne auch ein Tandem von Peter Esselborn hätten (in Polen fragten uns Engländer danach), hier seine Adresse:

Peter Esselborn, Luftpumpe Fahrradhandel GmbH, Heidelberger Landstrasse 223,
64297 Darmstadt, phon +49 6151 291884, fax +49 6151 292739
Öffnungszeiten: Mo - Fr 9.00 - 18.30, Sa 9.00 - 14.00
http://www.luftpumpe.de, Epost: peter@luftpumpe.de