Tandem 2001 Leominster

Eigentlich wußten wir nicht so recht, wohin wir dieses Jahr in den Urlaub fahren sollten. Die internationale Tandemrallye sollte in Irland stattfinden, und andere Tandemtreffen paßten räumlich und zeitlich auch nicht. Da erblickten wir die Nachricht, daß die nationale Tandemrallye des TC (Britischer Tandemclub) mitten in der Urlaubszeit in Leominster stattfinden sollte. In England waren wir bisher auch noch nicht unterwegs, und ein Blick in die Karte zeigte uns, daß das Unternehmen mit einer Woche Anreise, einer Woche Tandemtreffen und einer Woche Rückreise zu bewältigen war.

So starteten wir dann per Regionalbahn nach Altona, von wo uns die Fähre nach Harwich brachte und drei Wochen später auch wieder aufnahm.

Die ersten Kilometer in England brachten einige Überraschungen, und der Maßstab der Karte (1:250.000) war auch noch ungewohnt. So kann man sich z. B. nur auf eine Überquerungsmöglichkeit von Motorways verlassen, wenn die Straße auch über den Motorway eingezeichnet ist. Umgekehrt kann es eine Unterführung sein oder auch eine Sackgasse. Insgesamt bedeuten die Querungen von Motorways, Kanälen und das Vermeiden von A-Routen und vielbefahrenen B-Routen, daß man sich nur in einem Zickzackkurs seinem Ziel nähert.

Aber wir bekamen die Verhältnisse schnell in den Griff und fanden auch unseren ersten Campingplatz in Sudbury, der wohl mehr Enten als Camper beherbergt. Von hier ging es recht unspektakulär weiter nach Cambridge mit entsprechender Besichtigungstour im Nieselregen. Also mußten wir wohl auf dem Rückweg hier noch einmal vorbeikommen.

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Cambridge bei Sonne
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Holzbrücke in Cambridge
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Cambridge bei Regen
Weiter ging es Richtung Westen. Auf einem kleinen Weg führte die Straße durch eine Furt mit Wasserstandsanzeige - ab wann es hier wohl nicht mehr durchgeht?

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Furt hinter Long Comberton

Die Landschaft war eigentlich recht unspektakulär. Mal etwas Wald, einige Felder, einige Uphills und einige Downhills. Dafür sorgten die Campingplätze doch verstärkt für Abwechslung. In Long Compton sah der Platz eigentlich mehr wie eine Weide aus und war auch fast leer. Eine Dusche gab es leider auch nicht, obwohl wir uns nach fast 100 km so drauf gefreut hatten. Nun gut, wenn schon nicht ganz frisch, so gehört doch etwas Anständiges in den Magen. Der "Hausherr" meinte der kombinierte Lebensmittel-Post-Laden hätte bis 18:00 Uhr geöffnet.
Er war wohl schon länger nicht mehr dort gewesen oder wußte nicht was für ein Wochentag gerade war. Jedenfalls war der Laden zu. Aber zum Glück hatte der Delikatessladen nebenan noch auf. Wir hatten, glaube ich, noch nie so edle Zutaten auf unserem Trangia.

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Campingplatz in Long Compton

Weiter ging es durch die malerischen Dörfer Chipping Campden und Broadway, wo ich traditionelle britische Backkunst in traditioneller britischer Packkunst erstand. Eigentlich sollte ich nur "Teilchen" holen und kam mit einer Pappschachtel wieder aus der Bäckerei, in der sich hierzulande mindestens eine Sahnetorte versteckt hätte.

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Kuchen in Chipping Campden

Irgendwann mußte uns ja auch mal ein heftiger Regen erwischen. Immerhin waren wir wagemutig nur mit Windjacken gestartet, auch wenn diese zu Hause einige Schauer mit nur minimalem Wassereinbruch überstanden hatten. So kam es, wie es kommen mußte, und wir waren innerhalb von fünf Minuten durch bis auf die Knochen. Zum Glück gab es nachmittags eine warme Dusche, wenn auch nur in einem static Caravan. Wie kann man in sowas Urlaub machen? Es kam dann auch noch die Sonne raus, so daß alles wieder am gleichen Tag trocken wurde.

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Es wird alles wieder trocken. (Im Hintergrund die Malvern Hills)

Der weitere Weg führte uns durch Great Malvern, wo wir uns dann auch mal wieder verhaspelten, und über die Malvern Hills. Irgendwann hatten wir es aufgegeben den richtigen Weg zu finden und hielten einen Radfahrer an. Der überlegte etwas und sagte dann: "Follow me". Es ging einen heftigen Anstieg hoch, und er begann mit Smalltalk. Seit dem Zeitpunkt wußten wir, daß Leominster Lemmster ausgesprochen wird. Oben angekommen, zeigte er uns noch den weiteren Weg und fuhr wieder zurück. Er mußte also gar nicht hier hoch, und das mit einer vollen Einkaufsladung.

Nach einigen weiteren bezeichnenden Orten wie z. B. Hegdon Hill kamen wir schließlich auf dem Cricketfeld der Lucton School an. Hier fand die Tandemrallye statt. Die für Engländer anscheinend recht ungewöhnliche Reiseart, Tandem und Zelt, brachte uns überschwengliche Begeisterung, Hilfsbereitschaft, Bewunderung und eine Einladung auf einen Drink im Wohnmobil ein. Später kam dann doch noch ein weiteres "Camping Tandem" aus Wales an. Becky und Luke, die uns noch in einige englische Gewohnheiten einweihten.

Am ersten inoffiziellen Rallyetag, eigentlich der Anreisetag, erkundeten wir mit Becky und Luke Leominster und das kleine Kingsland, was aber immerhin einen sehr schönen "CTC Cyclists Welcome" Tearoom hat. Dort fand auch eine Flowershow statt. Das muß man mal gesehen haben. Wie in einem Film aus den Siebzigern werden dort die größten Zwiebeln, Tomaten, Zucchini, etc. ausgestellt.

Der erste offizielle Rallyetag war das Quiz. Mann fährt eine Route und muß zwischendurch viele Fragen beantworten. Für die wenigen deutschsprachigen Teilnehmer gab es sogar deutsche Fragebögen, allerdings per Yahoo übersetzt, was zwar für viel Heiterkeit bei uns sorgte, aber eher verwirrend war, als daß es zum Verständnis beitrug. So machten wir uns mit englischen Fragen als Viererteam auf den Weg. Sowas macht richtig Spaß, und man lernt doch einiges an Eigenarten des betreffenden Landes. Nach dem Quiz gab es erstmal eine Pause in einem Pub bevor es wieder zurückging.

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Quizende
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Pause im "Pub-Garden"

Abends gab es dann nach der offiziellen Begrüßung ein Cider- und Kuchentesten. Mmmmmmmmmmmmmmmh war das lecker.

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Cider-Test
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Kuchen-Test

Die nächsten Tage führten in bewährter Tandemrallyemanier durch die umliegende Gegend mit immer wieder schönen Stops in Tearooms, viel Landschaft und der Besichtigung einer Cidermill.

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Pause im Tea-Garden
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Landschaft
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Cider Mill von außen
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Cider Mill von innen

Die Wege führten häufig durch sehr enge mit Hecken begrenzte Sträßchen. Man kam sich fast wie in einem großen Irrgarten vor. Leider wurden gerade zu der Zeit die Hecken geschnitten, was vielen Teilnehmern etliche Dornen in den Reifen mit entsprechender Flickarbeit bescherte. Auch uns erwischte es.

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Da ist nicht viel Platz zwischen den Hecken

Der kulinarische Höhepunkt war aber, wieder in einem "CTC Cyclists Welcome" Tearoom in Wales: Cream Tea! Luke hatte uns immer die ganze Zeit von Cream Tea vorgeschwärmt, so daß wir nun natürlich probieren mußten.

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Tearoom in Wales mit Cream Tea im Angebot

Man bekommt zwei aufgeschnittene Scones, die erst mit Marmelade und dann mit einer sehr dicken Sahne, eben der Clotted Cream, gefüllt sind, sowie den obligatorischen Tee vor sich hingestellt. Es stellt sich dann die Frage, wie ißt man das? So als Ganzes paßt es nicht in den Mund, und Reinbeißen hätte auch eher eine Riesenschweinerei gegeben. Da zwei Messer mitgeliefert wurden, entschieden wir uns für Aufklappen und Verteilen der Cream und der Marmelade. Dies führte an den umliegenden Tischen auch zu keinerlei Lachanfällen. Also war es richtig oder die Engländer sind sehr höflich, was sie wirklich sind.

Abends gab es dann Wettbewerbe wie Downhillrennen, wer auf einer sanft abfallenden Strecke mit leichtem Anstieg am Schluß am weitesten rollt, oder Upphillrennen, das ist so, wie man es sich vorstellt. Leider wurden nicht immer alle Plazierungen bekanntgegeben, wir hätten uns ja auch über den vorletzten Platz gefreut.

Daneben gab es noch ein Picknick im Schloßpark. Sowas kann man sich hier gar nicht vorstellen, und eine Ausstellung von Tandemherstellern. Hier gab es z. B. ein Mountainbike-Trike und ein Moulten-Trike von Longstaff zu sehen.

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Picknick
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Picknick mit Stil
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Mountain-Bike-Trike
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Moulton-Trike

Am letzten Abend gab es das obligatorische Barbeque, Cider, Musik und Tanz. Irgendwie besser als deutsche Volksmusik.

Schließlich war auch dieses Treffen zu Ende, und wir begaben uns auf die Rückreise. Sie begann mit dem einzigen kompletten Regentag (Bild Abfahrt in Regenklamotten), und auf dem Campingplatz gab es mal wieder keine Dusche.

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Abfahrt im Regen, mit hübschen Regenjacken aus einem englischen Ramschladen
Der weitere Rückweg führte uns noch durch "Shakespeare-town" (Stratford-upon-Avon), was nicht nur eine Touristenhochburg ist, sondern auch eine Rennradhochburg zu sein scheint. Nirgendwo sonst sind uns so viele Rennradler begegnet. Und alle grüßen freundlich.
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"Shakespeare-town" (Stratford-upon-Avon) im Regen

Durch das Cidertesten geschult und den Cider aus den kleinen Betrieben in Herefordshire verwöhnt, testeten wir auf der Rückfahrt fröhlich weiter. Das Ergebnis lautet: Unterwegs nur Scrumpy Jack. Ohne Zuckerzusatz, nur durch die Wahl der Äpfel bestimmter Geschmack ist einfach am leckersten.


Lecker

So kamen wir irgendwann wieder auf der Fähre, wo man uns um unseren Scrumpy-Jack-Vorrat beneidete, und auch wieder zu Hause an.

Es hat viel Spaß gemacht, aber für so eine Reise quer durch Mittelengland braucht man schon ein entsprechendes Ziel, sonst wird es doch etwas langatmig. Wer noch nie auf einem Tandemtreffen des TC war, sollte auf jeden Fall mal teilnehmen, das ist immer eine Reise wert. Sollte die nationale Tandemrallye mal in der Nähe einer Fährverbindung stattfinden, lohnt sich auch ein entsprechender Kurzurlaub in England.

Cheers (es sind noch zwei Cider in unserm Kühlschrank)!

Jörg Buchholz