Tour de Guinness

Da liegen wir nun nach zwei Tagen Bus- und Schiffahrt im roten Samtbett mit Rüschendecken, und die Rüschen setzen sich im ganzen Zimmer fort. Doch Hauptsache wir sind da, und am anderen Morgen geht's endlich mit dem Radfahren los. Nach einem guten Frühstück - Holger hatte "Ham and eggs" und "Sausages", wir anderen trauten uns nicht zu dieser Kombination - noch schnell die Räder montiert und dann endlich frische Luft um die Nase wehen lassen.

Der pfiffige Leser wird es schon erkannt haben: Wir sind in Irland, und zwar im Westen, in Kenmare. Und nicht nur der Blick in die Karte, sondern auch der Blick nach vorne offenbaren, daß der erste Campingplatz jenseits der Caha Mountains liegen muss.

Da wir noch nie in derartig bergigen Gegenden waren, es geht von 0 auf fast 500 m hoch, sind wir gespannt, wie uns das mit dem ganzen Krimskrams, den wir so mithaben, bekommen wird. Immerhin kommen wir samt Tandem und Anhänger auf ein Gesamtgewicht von fast 200 kg.

Zu unserer Überraschung machte es bergauf erheblich mehr Spaß als bergab. Nach oben konnte man entspannt und langsam fahrend die Aussicht genießen, während man sich auf dem Weg nach unten auf die dort sehr schlechten und unübersichtlichen Straßen konzentrieren mußte.

Die Planung für die folgende Tagesroute erfolgte mit Wiebkes Michelin-Karte: "Die hat so schöne Entfernungsangaben." Zuerst ging es über den Healey Pass - wir häetten nie gedacht, daß Berghochfahren so viel Spass machen kann - um dann den Ring of Beara abzufahren.

[Bild: Top of Healy Pass]

Irgendwo an der Küste teilte sich die Gruppe auf. Die einen wollten den äußeren Ring abfahren und die anderen eine Abkürzung nehmen.

So ging's dann richtig los, und als wir das Schild "Outer Ring of Beara, no heavy-duty vehicles" sahen, folgten wir diesem Wegweiser natürlich. Rückenwind und glatter Asphalt erzeugten dann auch eine euphorische Stimmung.

Auf einen Schlag wurde alles anders. Die Straße nahm ein eindeutiges "N"-Profil an, wobei Steigungen und Gefälle die gleiche Güte hatten, so daß sich für das Profil ein leicht schräggeschriebenes "N" ergibt. Jedenfalls ging es wild tretend im kleinsten Gang berghoch und wild bremsend bergab.

Nach dieser "straßenmäßigen" Überraschung folgte schon die nächste. Ein Blick auf den Tacho und unsere Karte offenbarte, daß die Angaben in der Michelin-Karte in Meilen und nicht in Kilometern angegeben sind. Nach 103 anstrengenden Kilometern und einer Mückeninvasion, die besonders mich traf - anschließend sah ich aus, als hätte ich die Windpocken gehabt - fand auch dieser Tag bei einem guten Guinness einen erfreulichen Ausklang.

Nun mal gleich die Frage mit den Pubs geklärt. Jeder denkt, in Irland gäbe es an jeder Ecke einen Pub. Nur leider scheint es dort zu wenig Ecken zu geben, jedenfalls hatten wir von den Campingplätzen Wege von 2 - 11 km bis zum nächsten Pub zurückzulegen.

[Bild: Chips]

Im Süden ging es nun weiter in Richtung Cork, wobei auffällig ist, daß den Iren anscheinend der Campingplatz das ist, was uns die JH ist, immer oben auf dem Berg.

Von Cork aus strebten wir nun nochmals der Südküste zu und machten unsere erste Erfahrung mit einem sogenannten Caravanpark. Hier haben Einheimische seltsame quaderförmige Blechkisten geparkt, in denen sie ihren Urlaub oder auch das Wochenende verbringen. Diese Art von Plätzen sollte sich noch verschlechtern, und wer mit dem Zelt unterwegs ist, sollte dort allenfalls eine Übernachtung einplanen.

Auf unserem nächsten Campingplatz, zwischen Cahir und Clonmel, erfolgte dann der zweite Versuch, Weißbrot zu "Baked beans" zu toasten. Trangia mit Gas, Topf und Deckel, mit einer unteren Einlage von zwei Teelöffeln, erwies sich als idealste Lösung.

Wir strebten nun das Ziel Portlaoise an, denn von dort führt eine Bahnlinie nach Dublin. Nachdem wir mit dem Bahnpersonal die Ticketfrage geklärt hatten, fanden wir uns pünktlich am Bahnsteig ein. Wie bei dem Ei und der Henne stellte sich nun die Frage: "Was war zuerst da, der Bahnsteig oder der Zug?" Jedenfalls war der Zug erheblich länger als der Bahnsteig. Zunächst löste sich das Problem dadurch, daß erst die "normalen" Fahrgäste einstiegen und anschließend der Zug vorfuhr. Nun konnten wir mit den Rädern einsteigen. In Dublin gestaltete sich die Sache etwas schwieriger. Dort endet der Zug in einem Kopfbahnhof, d. h. 1,5 m nach unten mit den bepackten Rädern und dazwischen nichts als Luft.

[Bild: irische Tankstelle]

Wir haben dann noch 2 Tage im Norden von Dublin und 2 Tage in Dublin selbst (Bluesfestival, Unmengen von Guinness und Cider) verbracht. Dabei kam die Fahrt von Dublin raus und rein jeweils einer Fahrt auf der Autobahn mit und ohne Standspur gleich.

Und danach ging es wieder mit Bus und Schiff in Richtung OS.

Übrigens, Michael Murphys (erste B&B-Night) Bemerkungen zu unseren Rädern lauteten: "It's the longest vehicle in Eire" (Tandem mit Anhänger) und "What kind of animal is that?" (Jörgs Liegerad).

Jörg Buchholz