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Herkenbosch (Holland) |
Prolog für diejenigen, denen der Begriff "Tandemrallye" nichts sagt: Die
internationale Tandemrallye wird einmal jährlich vom UK Tandem Club
ausgetragen und findet abwechselnd in einem (mittel)europäischen Land
statt, wo sich lokale Freiwillige um die eigentliche Organisation kümmern.
Trotz des "Rallye" Namen hat das ganze mehr familiären Charakter und es
werden keine Rennen gefahren oder Zeiten gestoppt - ausser auf
persönlicher Basis. Gestartet wird nach Lust und Laune und in
Konglomeraten zwischen einem und einem dutzend Tandems, wobei es unterwegs
durchaus mal zu Hundert-Ballungen führen kann :-)
Jeden Tag werden mindestens 3 Strecken angeboten: kurz (40-50 km), mittel
(70-100 km) und lang (110-140 km). Dazu gibt es Streckenbeschreibungen und
Kartenmaterial.
Am Samstag morgen haben Beate und ich unser Santana Fusion nebst 200 kg (fühlte sich jedenfalls so an) Gepäck in unser Auto verladen und sind von Sindelfingen nach Herkenbosch gefahren, das ca 60 km nördlich von Aachen gleich hinter der holländischen Grenze liegt. Es war heiss, die Sonne schien unentwegt, die Autobahn war ziemlich leer und wir waren in bester prä-Tandemfahrurlaubslaune :-)
Der Campingplatz Elfenmeer bei Herkenbosch erwies sich als riesiges Gelände auf dem sich die insgesamt ca 1000 Camper fast verliefen. Überall standen Birken und Kiefern, so daß man sich wie auf einer gigantischen Waldlichtung vorkam. Wir hatten einen sogenannten "fixed Caravan", der eigentlich für 5 Personen ausgelegt war und uns beiden völlig ausreichend Platz bot. Er enthielt eine komplette Küche, Bad, Esszimmer und zwei Schlafzimmer. Erstaunlich was alles in so einen "Wohnwagen" reinpasst :-) Ausserdem hatte er Gas- Wasser- und Stromanschluss und eine große Terasse mit Gartenmöbeln. Wir waren begeistert. Die anderen Teilnehmer waren entweder in noch luxuriöseren Bungalows untergebracht oder hatten ihren eigenen Wohnwagen oder Zelte mitgebracht. Insgesamt waren es um die 520 Teilnehmer.
Als erstes wollten wir uns beim großen Orga-Zelt registrieren, als wir schon auf dem Weg dorthin über alte Bekannte stolperten: zuerst trafen wir Ingo und Diane auf ihrem neuen Alu-Zweittandem (jaja, der Trend geht unbedingt zum Zweittandem!) und darauf gleich Andreas und Annette. Irgendwie finden wir uns immer sofort auf jeder Rallye selbst unter Hunderten :-)
Das Orga-Zelt war mal wieder ein Riesenzelt Marke Volksfest und hatte auch schon entsprechende Tresen drin. Wir bekamen unsere Anstecker und Tourenbeschreibungen für den ersten Tag. Achja, erst mal mussten wir herzlich Carmelita und Bruno begrüßen, die dieses Jahr zu den Hauptorganisatoren gehörten (die armen Schweine :-) ). Sie waren auch schon voll am managen. 520 Leute wollen erst mal registriert, beraten und versorgt sein...
Am Abend kamen gleich Ingo, Diane, Andreas und Annette zu uns rüber und wir weihten die Terasse ein. Bei sommerlichen Temperaturen und Saft und Wein konnte man es gut draussen aushalten :-)
Der Sonntag wurde dann aber gleich richtig heiß mit über 30° und Sonne
pur. Das ist eigentlich die Grenze, wo wir noch gerne fahren, aber mit
etwas gemächlicherem Tempo und in der Gruppe war es dann doch gut zu
fahren. Die Tour führte über viele kleine und kleinste Dörfer entlang im
deutsch-holländischen Grenzgebiet auf Straßen mit sehr wenig Verkehr. Ein
ausgewiesener Pausenstop war der Schmalspur-Bahnhof "Selfkantenbahn",
natürlich mit Dampfloks und angeschlossenem Museum. Das hat sowohl die
kleinen als auch die großen Kinder erfreut :-)
Hier trafen wir auch zum ersten mal Wolfgang Haas mit seinen 7 und 5
jährigen Söhnen auf einem wunderschönen Santana Alu-Triplet.
Mit 68 km war die erste Tour zwar relativ kurz, aber wegen der Hitze
hätten wir auch gar nicht mehr fahren wollen.
Die Montagstour ging nordwestlich über Sint Odiliënberg zur Maas, die wir über diverse Brücken und Schleusen überquerten. Die Maas ist da ziemlich "zerfasert": es gibt zig Arme, Kanäle, Staustufen, Wasserkraftwerke, Seen usw. Die ganze Gegend nennt sich auch Maas-Schwalm-Nette Naturpark. Auf einer der Staustufenbrücken flitze Wolfgangs Triplet an uns vorbei und wir hängten uns hinten dran. Der fährt vielleicht ein Tempo mit seinen Kids! Wir mussten uns echt anstrengen mitzuhalten! Bei Thorn passierten wir irgendwo die Grenze zu Belgien (ich hab die glatt verpennt) und in Kessenich gab es den ersten Tandemauflauf des Tages vor einem Bistro. Da setzen wir uns dazu und bestellten Pannekoek (leckere Pfannkuchen). Irgendwie war mir die Hitze vom Vortag nicht bekommen, denn ich bekam mehr und mehr Kopfschmerzen und die Beine wollten auch nicht mehr so recht. In der nächsten Stadt Masseik gings mir so richtig schlecht und ich befürchtete schon eine Grippe in Anmarsch. Nach 3 Aspirins und einer längeren Pause ging es dann aber wieder. Wir trennten uns von Wolfgang und fuhren nicht mehr so schnell. Bloss gut, dass da alles ziemlich flach ist, denn eine Hügeltour hätte ich an dem Tag nicht mehr geschafft. Nach 78 km kamen wir auf dem Campingplatz ziemlich kaputt an. Am Abend gab Beate Ihren Tandemkalender als Beitrag zum Tandemgalerie-Wettbewerb ab und ausserdem 15 DIN A3 Blätter mit Tandem-Cartoons zum Ausmalen und Sprechblasenausfüllen für die Kinder. Die stürzten sich dann auch begeistert darauf.
Am nächsten Tag, dem Dienstag, war mein Grippeanfall (?) aber vorbei und
wir konnten wieder unbeschwert starten. Zusammen mit ein paar befreundeten
Tandempaaren ging es zuerst südwärts nach Deutschland durch Wassenberg und
Erkelenz, die zwar eine schöne Altstadt haben aber auch saudoofes
Pflaster. Meine Tandemstereoanlage mag das gar nicht. Es kam aber noch
schlimmer: die gepflasterten Feldwege hinter Erkelenz haben wahren
Waschbrett-Charakter und durch die Dauervibrationen fingen meine Hände an
taub zu werden. So was hab ich noch nirgendwo erlebt. Am Ende dieser
Rüttelpiste erwartete uns ein imposanter Anblick: Europas größtes Loch,
der Tagebergbau Garzweiler. "Gigantisch" ist dafür noch eine maßlose
Untertreibung :-)
In einer großen Schleife ging es die Schwalm entlang und an vielen
Feuchtwiesen und Wäldern zurück zum Elfenmeer, das eigentlich auch ein
Feuchtgebiet ist. Nur gut, dass der Campingplatz trocken ist :-)
95 km wurden es an diesem Tag und wir hatten wieder viel Spaß unterwegs
weil wir viele Bekannte von früheren Tandemrallies wiedertrafen. Am Abend
haben wir dann noch auf unserer Terasse gegrillt und bekamen wieder
Besuch. Lustig und spät wurde es :-)
Am Mittwoch ging die Tour Richtung Aachen. Unterwegs trafen wir unsere
"Rennkanadier" vom Vorjahr auf ihrem silbernen Cannondale wieder: mit
denen hatten wir uns damals ein kleines Rennen geliefert und uns
gegenseitig zum Sieger erklärt :-)
Nur stellte sich jetzt heraus, dass aufgrund eines Kommunikationsfehlers
die Kanadier gar keine solche waren, sondern Engländer. Peinlich :-)
Wir verstanden uns trotzdem wieder bestens und fuhren die ganze Strecke
zusammen. Auch zwei weitere englische Tandems (Ibis und Longstaff) waren
mit dabei. Aufgrund des aufziehenden Gewitters wollten wir die mittlere
Tour mit 70 km nehmen und nicht bis Aachen reinfahren. Leider war
ausgerechnet an diesem Tag die ansonsten recht gute Streckenbeschreibung
hundsmieserabel und wir verfuhren uns mehrfach, so dass wir doch fast bis
runter nach Aachen kamen. Leider war in der Gegend ziemlich viel Verkehr
und eine größere Stadt ging in die nächste über. Man kam kaum voran:
Ampelstop, Karte schauen, Straße queren, Verkehr beachten, wieder rote
Ampel usw. Mitten in Heerlen sahen wir auf einmal eine Ente mit zwei
kleinen Küken über die Straße watscheln. Zuerst sah das nur niedlich aus,
aber dann war uns bewusst wie gefährlich das war! Ich stieg
kurzentschlossen vom Tandem, hielt die Autos an und dirigierte die
Entenfamilie in einen Hinterhof. Eine Böe des aufkommenden Gewitters liess
die Küken übereinanderkugeln. Sie quiekten jämmerlich und taten mir ganz
arg leid. Bloss was tun? Ich konnte sie schlecht aufs Tandem schnallen und
mitnehmen. Mit unserer Plüschente (mit Helm!) im hinteren
Trinkenflaschenhalter ging das ja ganz gut, aber mit lebenden Enten hatte
ich da so meine Bedenken. Kurzentschlossen sprach ich eine Frau an, die
gerade ihr Auto auspackte, und bat sie um Hilfe. Sie sagte sofort zu, die
Ente mit ihren Küken zu retten und in ihrem Auto zum nächsten Teich zu
fahren. Drei Kinder halfen ihr dann auch begeistert. Beruhigt konnten wir
nun die Fahrt fortsetzen. Nach einigen Navigationsirritationen hatten wir
die Stadt dann hinter uns und auf offenem Feld mit schönen geteerten Wegen
schossen wir dann nur so dahin. Ein freundlicher Rückenwind tat das
übrige. Mit 111 km wurde das die längste Tour für uns auf dieser Rallye,
zudem mit richtigen Hügeln ("nanu, wo kommen die denn her?!") durchsetzt.
Am Mittwochabend war der "Spieleabend" angesetzt: es gab wieder Eierlauf (Stokerkids mussten Eier auf Löffeln balancieren), Ringstechen und Tandemlimbo. Letzteres war mal wieder Höhepunkt des Abends und ich wieder heiser vom Lachen :-)
Am Donnerstagmorgen trafen wir im Orga-Zelt zufällig auf Jörg Karas und
Simone. Mit denen wollten wir seit 3 Jahren schon mal gemeinsam Touren,
haben es aber terminlich nie geschafft. Die beiden waren nur diesen
Donnerstag zur Tandemrallye gekommen, weil Jörg dienstlich nicht weg
konnte. Hätte Jörg sich nicht vor mir Carmelita vorgestellt, wir hätten
uns verpasst. Ich wusste doch nicht, wie er aussah! Mit großer Freude
begannen wir gemeinsam die Tour, die zur Schönsten der ganzen Rallye
werden sollte: Über Sint Odiliënberg ging es nach Norden, in Roermond
mehrfach über die Maas und angrenzende Seen und dann in den Groote Peel
Nationalpark mit vielen Alleen, Wäldern und schönen verkehrsarmen Straßen.
Jörg und Simone erwiesen sich als starke Fahrer und in ihrem Windschatten
brausten wir nur so an den anderen Teilnehmern vorbei. 30 km/h gegen den
Wind und 40 km/h mit waren kein Problem. Toll! Aber anstrengend... :-)
Auf dem Rückweg durften wir die Maas mit einer kleinen Fähre überqueren.
Wir hatten uns trotz des forcierten Tempos viel zu erzählen und bedauerten
sehr, dass Jörg und Simone nicht länger bleiben konnten. Am Abend hatten
wir 90 km auf dem Tacho und dicke Beine :-)
Der Freitag wurde der einzige Tag mit wenig Sonne und so kühlem Wetter,
dass wir langärmlig fuhren. Es blieb aber bis auf ein paar wenige Tropfen
trocken. Die Tour begann so, wie die vorherige endete: zuerst nordwärts
zur Maas und da mit der Fähre übergesetzt. In dem Cafe danach trafen wir
auf die Drossels, Ingo und Diane (mit den 4 waren wir öfters die Tage mal
gemeinsam gefahren) sowie Kay Browatzki und Pit (?). Sofort beschlossen
wir wieder gemeinsam zu fahren, da unser Fahrstil gut harmonierte. Nur
leider hatten wir uns dann irgendwann unterwegs verloren: wärend Kay+Pit
und wir irgendwo mal fälschlicherweise links abbogen, fuhren die anderen
gerade aus. Ihr lautes Rufen und Hupen (Ingos Air-Sound) ging aber in
meiner vollaufgedrehten Stereoanlage unter, zumal Pit auch noch lauthals
"Hit the Road, Jack!" mitschmetterte. Spassig war's auf jeden Fall :-)
So fuhren wir den Rest der Tour nur noch zu zweit (Tandems) ab. Wenn ich
gestern noch dachte, es wäre windig, so ging an diesem Tag so RICHTIG der
Wind. Eigentlich war es schon eher ein Sturm. Ich hatte mehrfach Mühe das
Tandem in den Böen zu halten. Eklig. Wir kämpften uns regelrecht heim,
besonders schlimm war es auf den offenen Feldern wo nichts den Wind
aufhielt. Die letzten 8 km ging es aber durch den Wald leicht bergab und
da war es fast windstill. Wir hatten nach über 90 km noch genug Kraft uns
ein kleines Rennen zu liefern, das Beate und ich dann gewannen. Ok, ich
geb's zu: Ein Santana Fusion mit Rennlenkern und 53:11 Übersetzung ist
leicht unfair gegenüber einem KHS MTB-Tandem mit 48:13 :-)
Am Abend wurden mehrere Preise verliehen: für die weiteste Anreise auf dem Tandem zur Rallye (581 km), die weiteste Anreise überhaupt (Kalifornien), die Gewinner des Volleyballmatches und die schönsten Bilder für die Tandemgalerie. Letzteres gewann Beate! Im Anschluss fand die traditionelle Abschiedsparty mit Grillen statt und das Wetter wandelte sich prompt nochmal: die Sonne kam nochmal raus und es wurde 10° wärmer! Wir hatten es uns aber auch verdient :-)
Leider verging dieser tolle Abend wie die ganze Rallye wieder viel zu schnell und ich konnte gar nicht mit allen Leuten so viel Reden wie ich wollte. Naja, bei 520 Teilnehmern ist das auch nicht leicht :-)
Wie in den letzten 2 Jahren hatten wir super Wetter, erstklassige Organisation (nochmals besonderen Dank an Bruno und Carmelita Görg), spitze Touren und überhaupt eine GANZ tolle Zeit. Wir selbst hatten dieses Jahr dank Schwalbe Marathon XR (7 bar!) auf 545 km keinen einzigen Platten und auch ansonsten gab es bei uns keinen Defekt. Andere hatten ab und zu mal kleine Reparaturen unterwegs, die aber alle schnell behoben werden konnte, nicht zuletzt der überaus hilfsbereiten Mitfahrer.
An aussergewöhnlichen Tandems gab es dieses Jahr:
Wenn sich jetzt die daheimgebliebenen ärgern, dass sie (wieder) nicht dabei waren, kann ich nur sagen: ihr ärgert euch zu recht :-)
Ulli Horlacher
Jörg Buchholz Letzte Änderung: 2001-08-24