Tandemtour 2003 durch Schlesien und die Sudeten

Es war ein herrlicher Spätnachmittag, der Samstag am 17.5.03. Wir standen in der Sonne vor dem Bahnhof in Görlitz und das gewisse Reisefieber hatte uns wieder gepackt. Dank Internet und Wolfgangs Stadtplan wussten wir in welche Richtung wir radeln mussten. Wir ließen uns treiben in Richtung Altstadt. Am Obermarkt sprachen wir einen jungen Mann an, der Veranstaltungshinweise verteilte, und erkundigten uns nach einer Pension. Er gab uns 2 Adressen und wir schoben unser Tandem in die angegebene Richtung. In der Pension Kästner hatte man noch Platz für unser Tandem und uns. Nachdem wir uns erfrischt hatten betrachteten wir noch die schöne Altstadt von Görlitz und speisten im östlichsten Gasthaus Deutschlands zu Abend.

Nach einem guten Frühstück starteten wir am nächsten Morgen um 9:00 Uhr Richtung Polen. Kurz vor der Grenze sprach uns ein älterer Mann auf einem Fahrrad an. Nach wenigen Minuten Fahrt wussten wir, das er ein frühpensionierter Polizist aus Düsseldorf war und schon 5 Jahre hier wohnte und fast täglich über die Grenze fuhr. Er gab uns noch einige Tipps und wünschte uns eine gute Reise - dann trennten sich unsere Wege. Trotz der schlechten Nebenstraßen und des Kopfsteinpflasters in den Orten kommen wir gut voran. So beschließen wir in Chognow bis Legnica zu fahren.
In den letzten 2 Std. hat sich der Himmel bezogen und wir hoffen noch trocken unser Ziel zu erreichen. Aber ca.10 km vor Legnica wird unsere Hoffnung nicht erfüllt. Es fängt plötzlich stark an zu regnen. Wir schaffen es gerade noch zu einer Tankstelle. Für 1 1/2 Std. zwingt uns das Gewitter zu einer Zwangspause. Die Temperatur fällt von 27° auf 17°. Die Zeit geht aber schnell um, da wir oft angesprochen werden. Nach dem Gewitter sind wir in einer halben Std. in Legnica. Wir fahren bis ins Zentrum und mieten uns nach einer Tagesleistung von 98 km im Hotel Qubus ein schönes Zimmer.

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Die Route
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Görlitz
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Breslau

Am nächsten Morgen regnet es und so lassen wir uns Zeit für ein ordentliches Frühstück. Wir starten um 9.30 Uhr bei leichtem Sprühregen. Der aber 1 Std. später aufhört, und die Sonne kommt durch. Das führt dazu, das wir am Abend den ersten leichten Sonnenbrand haben.
Die Nebenstraßen in Polen kann man wirklich nicht empfehlen. Viele Schlaglöcher oder nur Schotterwege und in den Orten Kopfsteinpflaster. Auf den Hauptstraßen kommen wir aber gut vorwärts. Ca. 5 km vor Wraclaw (Breslau) beginnt ein Radweg und auf dem sind wir bei herrlichem Wetter nach 71 km um 15.00 Uhr im Zentrum. Wir mieten uns ein wirklich schönes Zimmer im Hotel Patio. Den Tag lassen wir nach einem 1. Rundgang durch die Stadt am Ryhnek in einem schönen Straßenkaffee ausklingen.

Am Abend des nächsten Tages stellen Heidi und ich gemeinsam fest: Bei schönem Wetter Breslau anschauen - das hat was. Es gibt sehr viele gepflegte Kirchen und Musen und eine toll restaurierte Altstadt. Wir hätten noch Stunden am Ryhnek bei einem Bier sitzen und den Menschen zuschauen können. Es ist eine Freude und ein Vergnügen den vielen jungen Menschen in dieser Universitätsstadt und in dieser Umgebung erleben zudürfen.

Der Weg nach Kluczbork führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft und über ordentliche Straßen. Nach der Mittagspause bekommt unser Schutzengel richtig etwas zu tun. Erst mussten ein paar lästige Hunde abgewehrt werden, die uns unbedingt in die Hacken beißen wollten. Von da an hießen die Hunde nur noch Hackenbeißer. In Wolczyn wollte uns ein Sattelschlepper platt machen. Unser Verkehrsraum wurde verdammt klein. Als der linke Spiegel dran glaube musste, konnte uns nur noch eine Vollbremsung vor größeren Schaden retten. In Kluczbork fanden wir nach 104 km bei einem Schnitt von 21,0 km/h und einigem hin und her ein einfaches Zimmer für 180 Pzl.

Am nächsten Morgen ist es bei 14° stark bewölkt und wir haben kräftigen Nordwind. Der Weg ist heute sehr wellig und es sind wieder sehr viele Rennfahrer im Lkw und Pkw unterwegs. An den Straßen stehen sehr viele Kreuze, die wir auch an anderen Strecken sehen konnten. Um 14:30 Uhr sind wir nach 81 km in Czestochowa (Tschenstochau). Wir mieten uns ein Zimmer im Hotel Orbis und unser Tandem darf wieder einmal in der Rezeption übernachten. Czestochowa versprüht noch - abgesehen vom Kloster und dessen Umgebung - den Charme des Sozialismus. Wir verbringen mehrere Stunden im Kloster und schauen uns alles an. Ein Pater macht mit uns - für eine Spende - eine private Führung und erzählt uns unter anderem die Geschichte von der Schwarzen Madonna. Nach 1 1/2 Stunden brummt uns der Kopf von den vielen Geschichten. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zum Hotel am Rande der Stadt und lassen die vielen Eindrücke auf uns einwirken. Als Kontrastprogramm laufen wir noch durch einen riesigen Supermarkt. Hieran erkennt man, das Polen mit großen Schritten aufholt.

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Breslau
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Tschenstochau
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Auschwitz

Am nächsten Tag fahren wir wieder durch eine sehr schöne Landschaft - dafür sind die Straßen um so schlimmer. Kurz vor Strzelce Opolskie müssen wir eine Ortsverbindungsstraße übelster Art bewältigen. Ca. 10 km Sand- und Schotterpiste mit riesigen mit Wasser gefüllten Löchern. Da heißt es Slalomfahren und aufpassen, dass man nicht in ein Wasserloch rutscht. Am späten Nachmittag erreichen wir an diesem wunderbaren Sommertag nach 96 km Strzelce Opolskie. Im Hotel Lesny beziehen wir für 2 Tage ein Zimmer.

Am nächsten Morgen bringt uns der Zug über Gliwice nach Katowice. Von dort fahren wir mit dem Bus nach Auschwitz-Birkenau. Das KZ ist riesig. Von dem Ort geht eine merkwürdige Aura aus. Die Vorstellung davon, was sich hier abgespielt haben muss, jagt einem Schauer über den Rücken. Es ist nicht zu begreifen, wozu Menschen fähig sind. Bahnfahren ist bei uns schon ein Abenteuer, aber erst recht in Polen. Die Waggons sind mehr als eine Generation alt. Die Schienen sind noch nicht verschweißt und die Zeitangaben nimmt keiner richtig Ernst. Polen ist jedenfalls bahnmäßig noch nicht in Westeuropa angekommen.

Das Treffen mit dem Landrat - Herrn Gerhard Matheja - von Soests Partnerstadt Strzelce Opolskie fand am Montag den 26.5.03 statt. Wir wurden sehr nett empfangen und Herr Matheja hatte sich Zeit genommen, uns etwas über den Kreis Strzelce Opolskie zu erzählen und unsere Fragen zu beantworten. Die Informationen, die wir bekamen, haben uns für die heimische Landwirtschaft doch sehr nachdenklich gemacht. Da werden ab Mai 2004 viele Veränderungen auch bei uns anstehen. Nach dem Treffen fuhren wir noch die 66 km bis Prudnik. Es war eine gute Trainingsstrecke für die nächsten Tage. Es ging immer leicht bergauf bei tlw. kräftigem Gegenwind. Da wird das Trampeln schon mühsam.

Zwischen Prudnik und Hanusovice unserem nächsten Tagesziel lagen 71 km und sehr viele Anstiege von bis zu 13%. Aber die Abfahrten mit über 50 kmh entschädigten uns wieder. Das Hotel Farmanka in Hanusovice hatte ein sehr schönes Zimmer für 20€ mit Frühstück für uns. Am nächsten Morgen geht es gleich bergauf und das war an diesem Tag überwiegend so. Steigungen von 10% sind keine Seltenheit. Bei über 6% Steigung haben Heidi und ich das Gefühl die Reifen kleben auf der Straße. Nach 3 Std. überwiegend im 1.Gang sind die Beine schwer wie Blei. In Vamberk beschließen wir uns schon ein Zimmer zu suchen. Aber damit war es nicht weit her. Kein Mensch sprach etwas anderes als Tschechisch und somit war Fragen überflüssig. Wir mussten noch 25 km fahren, bis wir ein Zimmer gefunden hatten. Unser Hotel steht in Tyniste und heißt Orlice. Dieses hatte den Charme der 20er Jahre. Wir haben daraufhin beschlossen, das Zimmer schön zu trinken. Das war schnell geschafft nach unserer Tagesleistung von 78 km bei Temperaturen von 15° bis 34°, den Bergen und über lange Strecken Gegenwind. Die Landschaft war jedenfalls sehr abwechslungsreich. Die Sudeten sind schon ein interessantes Radelrevier.

Die nächste Etappe starten wir um 8:50 Uhr. Es geht gleich auf die Bundestrasse bis Podebrady. Der Verkehr ist die Hölle, aber wir schaffen die Strecke in Bestzeit. Die einzige Schwierigkeit war die Stadt Hradec Kralove (Königgrätz). Für die Durchquerung brauchen wir über eine Stunde. Der Verkehr auf den Straßen ist nichts für schwache Nerven. Wir sind froh mit einem Tandem unterwegs zu sein, denn das hat den Vorteil, dass man sich in dem Verkehrsgewühl nicht verlieren kann. In Podebrady steigen wir im Hotel Bellevue ab -5mal so teuer und besser als die letzte Absteige- nach 82 km bei einem Schnitt von 23,0 kmh.

Podebrady ist ein Kurort an der Labe (Elbe) mit einem schönen Kurpark. Die Beine sind noch etwas schwer vom Vortag, wie wir um 9:30 Uhr unser Tandem wieder in Bewegung setzen. Aber vielleicht lag es auch an der Strecke. Sie ist sehr wellig mit kurzen Steigungen von bis 9%. In den Anstiegen spürt man jedes Kilo Gepäck. Bei jeder Tour nehmen wir uns vor, weniger Gepäck mit zu nehmen. Das machen wir auch, aber seltsamerweise bleibt das Gewicht bei ca. 45 kg immer stehen. Der Planet Sonne meint es wieder gut mit uns. Morgens startet er schon mit 20° und steigert sich am Tag noch auf 35°. In der Mittagszeit erreichen wir Prag. Der Verkehr und die Straßen sind die Hölle. Kopfsteinpflaster mit Straßenbahnschienen. Einmal musste ich mitten im Verkehr auf einer großen Kreuzung anhalten. Die Straßenbahnschienen ließen kein queren zu. Uns beeindruckt dann immer wieder, dass dann kein Autofahrer hupt und sich aufregt, wenn er für uns anhalten muss. Von Deutschland kenne ich das ganz anders.
Nach 2 Std. Stress und 56 km bei einem Schnitt von 24 kmh, mieten wir uns im Hotel Mucha für 4 Nächte ein Zimmer. Das Hotel war gerade neu renoviert worden, da es mit zu den vielen Gebäuden gehörte, die im August 2002 bei der Hochwasserflut in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Auf dem Weg nach Dresden sollten wir noch sehr oft auf die Spuren dieses Hochwassers stoßen. Viele Häuser haben bis zur 2. Etage im Wasser gestanden. Davon zeugten noch die Spuren an den Häuserfassaden. Am 1. Tag machen wir gleich eine Stadtrundfahrt. 3 1/2 Stunden sind wir mit dem Bus und zu Fuß durch die Sehenswürdigkeiten von Prag gewandert. In den nächsten Tagen erkundeten wir Prag bei heißem Sommerwetter überwiegend zu Fuß.

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Landrat
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Prag
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Königstein

Prag ist wirklich eine tolle Stadt. In Rom und Paris haben wir schon viele Touristen aus allen Herrenländern angetroffen, aber das ist nichts gegen Prag. Die Tage in der Stadt sind nicht weniger anstrengend als den ganzen Tag radeln aber entschieden faszinierender. Die schönen und gut erhaltenen Gebäude und die Menschenmassen haben bei uns nicht ihre Wirkung verfehlt. Jedes Mal sind wir am Abend schwer beeindruckt von den Erlebnissen des Tages. Die Pracht der vielen schönen Kirchen und Museen ist beeindruckend.

Am 3.6.03 heißt es Abschied nehmen von der Goldenen Stadt an der Moldau. Um 8:50 rollt unser Twintraveller Richtung Norden. Der Verkehr ist gleich heftig und es ist schon wieder sehr warm. In 1 1/2 Stunden haben wir die Stadtgrenze erreicht und die Temperatur ist bereits bei 27° im Schatten. Es geht über mehrere km nur bergauf bei einer Steigung von bis zu 12%. Gut das wir ein paar Tage nicht Trampeln mussten. Aber nach den anfänglichen Strapazen läuft es auf dem 2. Teil der Strecke sehr gut. Unser Ziel Litomerice (Leitmeritz) erreichen wir nach 73 km um 14:30 Uhr. Wir mieten uns ein Zimmer im Hotel Salva Guarda, dem ehemaligen Ritterhaus "Zum schwarzen Adler" mit einer interessanten Renaissance-Sgraffiti. Litomerice ist eine Stadt mit uralter Geschichte und vielen "alten Steinen" sprich Gebäuden.

Am nächsten Morgen machen wir uns um 9:00 Uhr auf den Weg nach Deutschland. Es geht wieder richtig zur Sache. Eine Steigung folgt der Nächsten. Das Gute dabei sind die Abfahrten. Die Strecke ist nicht all zu stark befahren und die Anzahl der Lkws hält sich auch in Grenzen. Dafür macht uns an diesem Tag die Hitze zuschaffen. Als wir bei Temperaturen von 38° abgekämpft in Hrensko an der Grenze ankommen, bekommen wir den Schock des Lebens. Der Zöllner erklärt uns, dass der Grenzübergang geschlossen ist und wir müssten bis Decin zurückfahren. 20 km Bergauf!!?? Kurz bevor wir in Ohnmacht gefallen wären, erklärt uns ein anderer Zöllner, wir könnten auch mit der Fähre übersetzen und auf der anderen Seite weiterfahren. Ein Scherzkeks erster Güte !!! Nachdem wir übergesetzt haben, geht es zügig auf einem neuen Radweg bis Königstein. Dort mieten wir uns nach 80 km für 3 Nächte ein Zimmer im Hotel Lindenhof mit einem tollen Blick auf die Elbe und das Elbsandsteingebirge.

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Prag
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Zeitungsbericht

Für den Aufstieg auf die Festung Königstein, am nächsten Tag wieder bei sommerlichen Temperaturen von 33°, ließen wir uns Zeit. Es wäre auch eine Schande gewesen an den vielen grandiosen Naturbildern einfach vorbei zu laufen. Die Festung selber ist auch durch die Größe und Lage sehr imponierend. Von dort oben hat man in fast alle Richtungen einen sehr guten Ausblick. Am späten Abend gibt es noch ein leichtes Gewitter, und es kühlt sich endlich etwas ab. Mit dem Tandem fahren wir am nächsten Tag auf dem schön angelegten Elberadweg in Richtung Dresden. Die Temperaturen bewegen sich bei angenehmen 25°. Da macht Tandemfahren ohne Gepäck wieder richtig Spaß. Wir radeln durch Pirna, besichtigen das Schlossgelände Sonnenschein und in Großsedlitz den Barockgarten. Der Garten ist eine schöne gepflegte Anlage, die zum Verweilen einlädt.

Heute, der 7.6.03, geht es wieder nach Hause. Ein letztes Frühstücksbuffet auf dieser Reise. Dann geht es bei herrlichem Sommerwetter auf dem schönen Elberadweg nach Dresden. Nach einem letzten kurzen Blick auf die Semperoper und die Frauenkirche fährt der Zug um 13:11 Uhr Richtung Heimat.

Fast hätten wir den Zug verpasst, hätte uns nicht ein netter Schaffner auf die Abfahrt aufmerksam gemacht. Wir waren so in ein Gespräch mit einem anderen Radreisenden vertieft, sodass wir nicht auf die Uhr geschaut hatten. Bis Bielefeld verlief die Fahrt im Eurocity sehr angenehm. Aber damit war dort Schluss, da es einen" Personenschaden" auf der Strecke gab. Die ganze Strecke wurde gesperrt. Das hatte zur Folge, das wir entgegen der Planung mehrmals umsteigen mussten und knapp 3 Stunden später zu Hause ankamen.

Das Resümee dieser Reise:

Heidi und Ulrich Schütze

Jörg Buchholz