Tandem-Erstausfahrt-Bericht

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Tandem-Erstausfahrt-Bericht

Diese Beschreibung unserer ersten Erfahrungen mit und auf dem neuerworbenen Tandem richtet sich vor allem an Neulinge oder Aspiranten dieses schönen Hobbys. Sie scheint mir aber auch für "alte Hasen" erbaulich. Dass aller Anfang schwer ist, haben wir auch erfahren, gleichfalls die tiefe Befriedigung nach dem gemeinsamen Überwinden der Schwierigkeiten bei der "Jungfernfahrt".

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Ein paar technische Daten zur Tour:

Wir haben ein Cannondale MT2000 mit Headshox Federgabel, Magura Felgen- Bremsen, Shimano XT Schaltung, Tourenausstattung und MTB-Stollenreifen.
Wir sind 60 km gefahren: Sindelfingen - Weil der Stadt - Ditzingen (Pedalkraft) - Leonberg - Sindelfingen.

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Vorgeschichte: Wie kommt ein Reiter auf ein Tandem?

Meine Frau Manuela hat ihre Liebe zu den Islandponies auf unsere vier Kinder übertragen. Vor allem auf unsere beiden Töchter, die diese Begeisterung schon sehr früh mit ihr teilten. Als wir 1981 ein Dartmoor-Shetland-Mischling und zwei Islandponies, die angeblich wild, unreitbar und männermordend seien, sehr günstig angeboten bekamen, war die schicksalhafte Entscheidung nur noch abhängig von meinem Einverständnis, als Koppelbauer, Mister, Senser und Zureiter mitzutun.
Ich habe mich damals darauf eingelassen und bin in diesen zwanzig Jahren ein guter Reiter und Pferdehalter geworden und habe die Isländer dabei sehr liebgewonnen. Mit der Zeit wurden es fünf Ponies, und aus den "Schwererziehbaren" wurden zuverlässige, kinderfreundliche Kameraden, auf denen die Kinder sogar allein ins Gelände ausreiten konnten.
Mittlerweile sind drei gestorben. Seit letztem Herbst zeigen die zwei Stuten (26 und 28 Jahre), die wir noch haben, deutliche Alterungserscheinungen, so dass für meine Frau und mich klar wurde, dass sie bald nicht mehr reitbar sein würden.
Bis letzte Woche stellte sich also für uns die Frage, ob wir junge Pferde kaufen und dieses Hobby fortführen, oder uns nach einer Alternative umschauen: eine gemeinsame Freizeitbeschäftigung an der frischen Luft, Naturerfahrung, ökologisch-verträgliches Reisen und individuelle Zielplanung, ein Ausgleich zu unserer Arbeit am Computer.
Die Probefahrt auf einem Triplet mit meinen beiden Kollegen Beate Herrmann und Ulli Horlacher (beide ein Paar und langjährige Tandemfahrer) auf dem Uni-Gelände in Stuttgart stellte die Weichen: Ein Tandem könnte diese Alternative sein.

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Ein Angebot: Die Entscheidungen fallen...

Anfangs letzter Woche stürmte Kollege Ulli mit einer Kleinanzeige in mein Büro: ein Cannondale MT2000, drei Monate alt, fuer 4000 DM, sensationell! Das Angebot! Dies schien mir sehr viel Geld für ein Fahrrad, doch als ich die Preise genauer studierte (ein Lob dem Internet), fing ich an zu begreifen, dass die wirklich ein Schnäppchen war.
Von der Reiterei wusste ich, dass sich gute Ausrüstung langfristig bezahlt macht, und dass gutes, haltbares Material allemal seinen Preis hat. Kurz: der Kauf kam zwei Tage später zustande, und ich war - halb stolz, halb verzagt - Besitzer eines nahezu nackten Tandems...
Spätestens ab diesem Zeitpunkt stellte sich heraus, wie wichtig es für Neulinge ist, erfahrene Berater zu haben: Was für Touren wollt ihr mit dem Rad machen? Wie sind die Strassen- oder Wegeverhältnisse bei euch im Schwarzwald? Wie seid ihr gebaut (schlotter: midlife-crisis...)? Welche Erweiterungen sind nötig und möglich?
Nach Klärung dieser Fragen war Ulli nicht mehr zu halten: Er brachte das Rad zu einer Werkstatt in Sindelfingen (Sportivo), die die Umbauten zum Tourenrad vornahm: Schutzbleche, Ständer, Gepäckträger, Lichtanlage. Sehr gut gemacht! Die Luftpumpe besorgte er in Konstanz. Sättel wollten uns Beate und Ulli aus ihrem reichhaltigen Fundus zur Verfügung stellen, was sich schon nach den ersten Kilometern als außerordentlich hilfreich erweisen sollte.

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Die erste Ausfahrt: Was euch nicht umbringt, macht euch stark!

Nachdem ein Treffen am Samstag nicht zustande gekommen war, verabredeten wir uns am Allerheiligen, 10 Uhr, nach Maichingen bei Sindelfingen, wo Beate und Ulli wohnen. Diese hatten am Abend zuvor unser Tandem bei Sportivo in Sindelfingen abgeholt. Alle Komponenten waren liebevoll und akurat rechtzeitig angebracht worden, so dass ich eigentlich nicht recht verstand, warum Ulli eine Stunde Montagezeit zusätzlich eingeplante. Bis wir dann die Hörnchen, das Licht, die Pedale, Kettenstrebenschutz, Reflektoren, Lenkerüberzüge und die Sättel angebracht, die Reifen aufgepumpt hatten, Lenker, Bremsen justiert waren, vergingen zweieinviertel Stunden. Ulli erklärte uns jeden Handgriff ausführlichst und ganz genau. Aber außer Fahrrad festhalten und Werkzeug holen durften wir eigentlich nichts machen. Hier durfte nur der Meister ran!
Da wir keine Latex-Ganzkondom-Strampelanzüge haben, hatte ich vier Wäscheklammern mitgebracht, um die Hosenbeine damit eng zu knüpfen. Da mich diese in der Hose zwickten, klammerte ich sie an den Bremszug. Als Ulli dies sah, entfuhr ihm ein urtümliches Geheul:" Ein Tandem ist doch keine Wäscheleine!" Bei dem benachbarten Hochhaus gingen verschiedene Fenster auf...
Unsere beiden Mentoren gaben uns noch wichtige Tipps, wie wir aufsteigen, anfahren, Zeichen geben und wieder anhalten. Dann kam eine erste Runde, wobei Ulli jeweils mit einem von uns fuhr, damit wir uns an die neue Situation gewöhnen konnten. Auch die Rollen wurden geklärt: der Captain sitzt vorne, lenkt, schaltet und gibt die Kommandos, der Stoker darf treten, die Hand raus halten, das Rad auf den Ständer stellen. Unausgesprochenes Problem für mich: Wie bringe ich diese meine selbstbewusste, emanzipierte Powerfrau dazu, als Stoker hinten auf dem Tandem Platz zu nehmen? Ganz einfach (Originalton Ulli):" Setz Dich dahin, Manuela, den Rest mach' ich!" Mir hätte das eine aufreibende Diskussion über die jahrhundertelange Unterdrückeng der Frau durch den Mann eingebracht, mit dem Ergebnis, dass ich am Schluss - unfähig zu schalten und zu lenken - hinten Platz genommen hätte, (mit einer Klingel, um meine unentbehrliche Mitarbeit demonstrieren zu dürfen) damit die Fahrt endlich beginnen könne. Bei Ulli sagte sie nur: " Gut, ist's recht so?" (Habe ich in sechsundzwanzig Ehejahren etwas falsch gemacht?)

Glücklicherweise war der Platz, auf dem wir starteten, gut zwanzig Meter breit, so dass die ausladende Amplitude unseres Anfahrens keine negativen Folgen zeitigte. Bald waren wir auf einem Grüne-Plan-Weg ausserhalb Maichingens, wo uns ein kalter Wind anfauchte. Dabei wurde mir sehr schnell klar, dass die dicke Lederjacke, die ich trug (wir waren ja nur von einer kleinen Probefahrt ausgegangen), absolut fehl am Platz sein würde... Erstaunlich war für uns, dass - trotz der sehr dichten Besiedelung - wir sehr schnell in freier Natur waren. Das Wegenetz ist sehr gut ausgebaut, obwohl das ja bekanntlich nicht umsonst ist. Ein Lob den Schwaben! Als Beate bei der ersten Rast im Unterholz verschwand, nahm ich als passionierter Raucher die Gelegenheit beim Schopf, um einen Zigarillo anzustecken. Doch von wegen! Nach zwei Zügen stand sie schon wieder reisefertig und erwartungsvoll da, und Ulli stellte mit deutlich vorwurfsvollem Unterton fest, dass man wegen der Raucher immer unnötig viel Zeit bräuchte... Bis Ditzingen sollte ich keine Gelegenheit mehr zum Rauchen finden. Ab hier übernahmen die beiden unsere schwere Satteltasche. Das Anfahren, Anhalten, Pedale finden, Auf-und Absteigen lernten wir aber sehr geschwind. Kaum sprach einer von uns beiden von einem Ziehen hier oder Drücken dort, machten Ulli und Beate einen Stopp, holten das Werkzeug raus und schraubten an Lenker und Sattel herum. Hier erwies sich Ulli als Kavalier der alten Schule: Sog Manuela nur mal hörbar die Luft ein, stand er flugs mit dem Werkzeugtäschchen vor ihr: "Isch des Hörnle zu steil? Soll i den Lenker no näher mache? Druckt der Sattel hinta oder vorna?" Da Ulli die Gegend genau zu kennen meinte, verließen wir uns ganz auf seine Interpretation der Karte: Hat er doch Kompass, Höhen- und Steigungsmesser an seinem Tandem. Aber "Lothar" hat wohl nicht nur Bäume entwurzelt, sondern scheinbar auch die Landkarte nachhaltig verndert, so dass es mehrmals vorkam , dass wir zwanzig/dreißig Meter hinter einer Kreuzung oder Weggabelung absteigen mussten, um das Tandem umzudrehen und um den anderen Pfad zu nehmen... Die alten, herbstfarbenen Laubwälder und das schräge, honigfarbene Sonnenlicht, der herbe Geruch des trockenen Laubes, das Schnurren der Räder: schöne Idylle. So hatten wir uns das geträumt. Leider wurde der Zustand der Wege dann für uns Radler sehr kräftezehrend: Nach dem Holzschleifen hatte man Schotter auf die Wege getan und mehr oder weniger glatt gezogen, aber nicht verdichtet. So wurden Abfahrten recht gefährlich, Steigungen sehr erschöpfend.
Vor dem Etappenziel Ditzingen wurden wir aber durch zwei lange Gefällestrecken belohnt, auf denen wir 57 km/h erreichten. So schnell bin ich noch nie Rad gefahren! Obwohl Anfänger, getrauten wir uns dies, weil das Rad einen sehr stabilen und soliden Eindruck machte. Bei Pedalkraft, einem der kompetentesten Händler Süddeutschlands für Spezialräder und Fahrradzubehör, machten wir einen halbe Stunde Rast, wobei uns der hilfsbereite Besitzer des Ladens Gesellschaft leistete. Wir hatten inzwischen vierzig Kilometer hinter uns gebracht, und wir beide hätten an dieser Stelle eigentlich die Tour beenden wollen. Nota bene: Wir sind ja beide seit vielen Jahren nicht mehr Rad gefahren und somit völlig untrainiert.
Nach der Pause fiel uns das Aufsteigen dann sehr schwer, und die Aussicht, die Ulli uns verkündete, es seien ja nur noch zwanzig Kilometer bis heim, mobilisierte nur kurzfristig. Doch der Weg durch das Glemstal war so malerisch und schön, dazu eben und befestigt, dass wir die nächsten zehn Kilometer noch leidlich genussvoll abarbeiteten. An einer Steigung vor Leonberg musste ich allerdings absteigen und ein Stück weit schieben, weil die Beine einfach nicht mehr wollten. An dieser Stelle hätten wir das Tandem jedem geschenkt, der angeboten hätte, uns zu unserem Auto zu fahren!
Die letzten beiden Steigungen hätten wir nicht mehr geschafft, hätten Beate und Ulli uns nicht angeschoben. Danke für diese freundschaftliche Geste! Dabei lachten und zwitscherten die beiden unbeeindruckt weiter, während wir beide mit verbissenem Gesicht schweigend kämpften. Diese Mienen, die man so oft bei Leistungssportlern sehen kann, haben mir schon seit jeher missfallen. Sie erinnern mich immer an die mittelalterlichen Geißler, die sich die nackten Rücken mit nagelbewehrten Riehmen schlugen, um ihre sündhaften Gedanken auszumerzen. Jetzt waren wir auch soweit!
Inzwischen war die Dämmerung schon weit fortgeschritten, also mussten die Lichter aufgesteckt werden. Zum Glück hatten Beate und Ulli an sowas gedacht, denn wir brauchten noch gut eine Stunde bis Maichingen, wo wir uns am liebsten einfach stehend und samt Tandem einfach hätten umfallen lassen wollen!

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Am Ziel: Gehen kann so schön sein...

Zwar war unser Konditionszustand sicher schwach, aber wir regenerierten doch überraschend schnell. Manuela und ich luden unsere beiden Helfer, Berater und Schieber zum Essen beim nahegelegenen Griechen ein (so ähnlich fühlten wir beide uns :-)). Ulli aß dabei fröhlich seine eigene Portion und noch die Hälfte von unserem Zwei-Personen-Menü: Tandems anderer Leute schieben macht doppelt Appetit, nicht wahr? Es war ein netter, nahrhafter, geselliger Abschluss, wobei wir weitere gemeinsame Aktivitäten wie die Überfuehrung des Tandems zu uns und eine Tandem-Rallye im Mai besprachen. Dann traten wir beide die Heimreise an, zunehmend stolz, gemeinsam etwas für uns beide sehr Anstrengendes mit vereinten Kräften geschafft zu haben.
Noch ein Wort zur Gleichberechtigung: Da Manuela - wie Ulli - keinen Alkohol trinkt, bestellte ich für mich ein Viertel griechischen Rotwein. Die vier Ouzos - Geschenk des Hauses - teilten sich zu gleichen Teilen Beate und ich. In diesem wohligen Zustand nahm ich als Smoker und Stoker auf dem Beifahrersitz Platz und ließ mich über die A 81 von meiner Frau nach Hause fahren, und es machte mir garnichts aus, daß ich weder Lenker noch Schaltung hatte.

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Endlich daheim: Der Schlaf ist ein kleiner Tod...

Kaum fähig, die Zahnbürste zu halten, sanken wir zu Hause in ohnmachtsähnlichen Schlaf. Ab nachts drei Uhr begann ich intensiv zu träumen und wachte mehrmals schweißnass auf: Vor meinen Augen die zitternden Hände, die mit weißen Knöcheln den Tandemlenker halten, davor das sirrende Vorderrad, das Tempo immer schneller, und von überall her stürzen Kinder, Hunde, Bäume, Autotüren und Gräben vor uns... Um fünf Uhr stehe ich auf, werfe den schweißnassen Schlafanzug in die Wäschekiste.

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Der Tag danach: Der Schmerz lässt nach...

Ich werde den Kollegen heute berichten, dass der Tag gut war, und dass uns der Ulli nicht totgefahren hat. Es dauert zwar länger, bis man in die Gänge kommt, aber die Nachwehen sind nicht so schlimm, wie wir gefürchtet hatten. Das Sitzen ist das Schwierigste.

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Hier noch ein Tipp für Tandem-Neulinge:

Achten Sie darauf, dass Sie in den ersten paar Tagen nach Ihrer Ausfahrt beim Geschäftchen im Unterholz nicht von herumstreunenden Pavianen gesehen werden! Sie können sich sonst vor Avancen kaum noch retten, denn rote Hinterteile gelten bei Pavianen als sehr attraktiv.

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Fazit: Auch das Tandem muss nicht noch einmal erfunden werden...

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Manuela und Hartmut Lübben

Jörg Buchholz