TOUR de RUHR - Zwischen Papier und Wirklichkeit bestehen gewisse Unterschiede

An dem verlängerten Wochenende, welches den 3. Oktober einschließt, machten sich zunächst 7 ADFCler auf, um die Tour de Ruhr komplett abzufahren. Wie bei uns üblich, erfolgen An- und Abreise mit der Bahn. Die Tourenabschnitte wurden mit Hilfe des Programms "Radfernwege in Deutschland" der BVA geplant. Der folgende Bericht wird nun zeigen, daß man dabei einige Überraschungen erleben kann.

1. Tag: Anreise nach Lünen und Tour von Hamm bis JH-Dorsten - ca. 70 km (laut Computerprogramm)

Punkt 8:00 trafen alle am Bahnhof ein und stürmten kurze Zeit später den Bahnsteig, wo der Zug schon wartete. Ein Fahrradabteil war auch vorhanden, nur leider von biertrinkenden Fußballfans in Beschlag genommen worden. Dies zwar nicht aus Bosheit gegenüber Radfahrern, sondern weil der ganze Zug halt gerammelt voll war. Wie jeder Radfahrer weiß, gibt es das Versprechen der DB, daß grundsätzlich sämtliche Radfahrer mit ihren Rädern mitgenommen werden und gegebenenfalls andere Nutzer des 30 DM-Tickets einen anderen Zug nehmen müssen. Der nette Schaffner, ob Radfahrer oder nicht ist nicht bekannt, wußte dies auch und begann, als er uns erblickte, sofort mit der Räumung des Fahrradabteils. Nur für jeden in einen anderen Wagen beförderten Fahrgast stieg halt jedesmal ein weiterer in das Fahrradabteil ein. Irgendwie gelang es uns, Räder, Gepäck und uns selbst in den Zug zu laden. Auf der Fahrt begleitete uns jedoch eine Mischung aus Zigaretten- und Bierdunst am frühen Morgen im Nichtraucherwagen, ansonsten blieb aber alles friedlich.

In Münster hieß es umsteigen. Da wir genügend Zeit hatten, konnten wir also alle anderen ziehen lassen und anschließend in Ruhe ausladen. Nach der Feststellung, daß unser Anschlußzug zu keinerlei Fußballstadion führt, fuhren wir mit der DB weiter. Der Zug nach Lünen war auch mehr oder weniger leer. Lediglich das Einladen der Fahrräder an einem ca. 1 m breiten Behelfsbahnsteig war etwas schwieriger, insbesondere mit dem Tandem.

Glücklich in Lünen angekommen, ging es nun mit der Tour los, wobei sich zwei Dinge zeigten. Erstens die Beschilderung ist eher was für Leute mit Adleraugen (ca. 15 * 15 cm mit einem 3 cm kleinen Richtungspfeil), und zweitens drei "Tourenleiter" mit Karte verfahren sich genausooft wie einer. Im Endeffekt braucht man für die Diskussion, wo es lang geht, mehr Zeit, aber das schult das soziale Verhalten und die Konfliktfähigkeit.

[Bild: Brückenüberquerung]

Nach jeder Menge flacher Landschaft, einer Schleuse, vielen fehlenden Schildern und einsetzender Dämmerung kamen wir genau pünktlich zum Abendessen in der JH-Dorsten an. Der Tacho zeigte 76 km, was also mit der Berechnung ziemlich übereinstimmte. Nach einem Besuch beim Italiener beschlossen wir den Abend und gaben uns dem zweiten Tag hin.

2. Tag: Tour von Dorsten nach Mülheim - ca. 95 km (laut Computerprogramm)

Nach einer kurzen Exkursion zum Bahnhof in Dorsten ging es Richtung Rhein los. Kurz vor Wesel bog der Weg links in den Wald ab, und zwar sowohl nach Karte als auch nach den Schildern. Die Piste dort eignete sich eher für Sandbahnrennen, obwohl sie wahrscheinlich dafür doch zu tief gewesen wäre. Und es kam, wie es kommen mußte, am Ende der Piste war natürlich kein weiteres Schild zu sehen. Vielleicht hat man sich die Schilder gespart, weil vor uns noch niemand so weit vorgedrungen war.

In Wesel angekommen machten mich die Kilometerangaben auf den Fahrradwegweisern etwas stutzig. Mein Tacho zeigte ungefähr 50 km, aber bis Duisburg sollten es noch 45 km sein und Mülheim liegt hinter Duisburg. Angesichts guter Stimmung bei gutem türkischen Essen und schlechten Wetters behielt ich meine Bedenken für mich. Zugegebenerweise glaubte ich da auch noch an die korrekten Kilometerangaben des Computerprogramms.

In Duisburg zeigte sich, daß die Wegweiser recht behalten sollten. Jedoch kam nach 90 Regenkilometern und 100 Streckenkilometern beim Sonnenuntergang am Rhein fröhliche Stimmung auf. Dies hielt an, bis es begann, dunkel zu werden und die kleinen Schildchen, die Karte und die weitere Umgebung, die man nun einmal zur Orientierung braucht, nicht mehr so recht zu erkennen waren. Schließlich ging es die restlichen Kilometer in Mülheim, bis zur Jugendherberge nur noch auf beleuchteten Großstraßen weiter. Der Tacho zeigte für diesen Tag 123 km an. Der Abwechslung halber klang dieser Tag beim Jugoslawen aus.

3. Tag: Tour von Mülheim nach Hagen - ca. 72 km (laut Computerprogramm)

Dieser Tag brachte uns Sonne und wohl den schönsten Abschnitt der Tour de Ruhr. Es waren alle da, die Gruppe war auf 9 ADFCler angewachsen, und nach den vorangegangenen Tagen freut man sich halt auch über kleinere Dinge. Es gibt wenig von diesem Abschnitt zu erzählen, es war einfach schön. An die etwas höhere Kilometerzahl, der Tacho zeigte 91, hatten wir uns ja gewöhnt. Lediglich die letzten Kilometer in Hagen waren ein Alptraum, den man schnell vergessen sollte. Da wir diesmal in der JH ein leckeres warmes Essen bekamen, ging es abends stilecht in eine Eckkneipe und anschließend in eine Pommesbude. Neben Pommes und Bier gab es dort "Leben Live", es hätte auch eine "Sitcom" sein können.

4. Tag: Tour von Hagen nach Hamm und Rückfahrt nach Osnabrück

Geplant war eigentlich, die Tour bis nach Lünen, also die ganze Runde, durchzuführen. Aber wir waren mit den Kilometern vorsichtig geworden. Ein Nachmessen per Bindfaden ergab dann auch für die letzte geplante Etappe ca. 100 km, was sich mit dem Zugfahrplan nicht vereinbaren ließ. Daher entschieden wir uns, die Tour nach nochmals 75 km in Hamm abzubrechen.

Auf dieser Etappe gibt es dann auch die ersten und einzigen Erhebungen der Tour de Ruhr. Da wir aufgrund der vorherigen Tage in Übung waren, erreichten wir den Bahnhof 2 Stunden zu früh. Bei Sonnenschein bietet sich dann ein Abschluß in einer Eisdiele oder in einem Straßenkaffee an, denn die Bahn sorgt doch immer wieder für Überraschungen.

Alle waren pünktlich am Bahnsteig: wir, die Fahrräder und der Zug, nur das Fahrradabteil hatte irgendwo den Zug verpaßt. Aber das fahrende Personal ist oft freundlicher als angenommen, und so konnten wir dann halt den letzten halben Wagen besetzen. Nach einer Kaffeekochpause auf einem Münsteraner Bahnsteig kamen wir alle wohlbehalten und gutgelaunt wieder in Osnabrück an.

[Bild: Wenn der Packwagen fehlt]

Nachlese

Das Nachmessen der Tour de Ruhr ergab eine Länge von ca. 360 km. Sowohl der zur Tour erschienene "Spiralo" als auch das Tourenprogramm geben als Gesamtlänge 300 km an. Bei der Planung sollte also immer nachgemessen werden, auch wenn Kilometerangaben aus anderen Quellen zur Verfügung stehen.

Die Ausschilderung ist erstens sehr klein, zweitens teilweise verwirrend und drittens des öfteren nicht vorhanden.

Für die streßfreie Fahrt mit dem Wochenendticket empfiehlt sich das Studium des Bundesligaspielplanes, und man sollte nicht allzuviel Vertrauen in die Symbole auf Bahnfahrplänen setzen.

Trotz allem hat´s Spaß gemacht, und wenn alles glatt läuft, ist es ja auch langweilig, und man hat hinterher nichts zu erzählen.

Jörg Buchholz

Jörg Buchholz